Erfahrungsbericht zum Thema Familiennachzug

Astrid aus Homburg im Saarland ist seit August 2015 freiwillige Helferin in unserem Nachbarschafts-Netzwerk, sie hat aber auch ein Internet-Netzwerk und eine Infoplattform aufgebaut und unterstützt insbesondere Kreative dabei, im Saarland Fuß zu fassen. 2015 begann sie mit der Begleitung von Geflüchteten bei Behördengängen. Dabei lernte sie im Jahr 2016 auch Hany aus Syrien kennen. Der Familienvater war alleine nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung, seine Frau und die beiden Kinder, wenn er einmal in Deutschland angekommen ist, so schnell es geht nachzuholen. Insgesamt dauerte es 16 Monate, bis die Familie wieder vereint war.

Aus Aleppo in die Türkei

Ehrenamtsportal: "Wie lief das Verfahren ab und wie haben Sie den Ablauf des Verfahrens empfunden? (Gab es Hürden? Wie lange dauerte es? Wie war der Umgang mit den Behörden?)"

Astrid: "Kurz gesagt war das Verfahren so, dass wir zufällig von einem Freund den Tipp bekommen haben, wie man über das Internet den Familiennachzug beantragt. Hany hatte Anfang 2016 einen Termin in einer Botschaft in der Türkei gemacht. Kurz danach wurde die Einreise dorthin visumspflichtig. Als der Termin anstand, gab es de facto für syrische Staatsbürger*innen keine Möglichkeit mehr, in die Türkei einzureisen. 

Das Ganze wurde sowohl von der finanziellen, als auch von der nervlichen Belastung her immens: Wir haben über die sozialen Medien und bei Veranstaltungen Geld gesammelt, um wenigstens einen Teil der Kosten abzufangen. Dazu kam, dass das Jobcenter Probleme machte, wenn Hany seiner Familie von dem Geld schicken wollte - was er sich hier eisern vom Mund abgespart hatte. Man sagte ihm, das Geld, das er hier bekommt, sei schließlich für seinen Lebensunterhalt. Wenn er es nicht (für sich) brauche, dann brauche das Jobcenter es ihm ja nicht zu geben.

In der Türkei gibt es eine Organisation, die für die Familie wirklich hilfreich war. Aber hier gab es überhaupt keine Unterstützung.

An Weihnachten 2016 saßen wir mit unserem Freund zusammen – im Warmen – und wussten, dass seine Frau mit den Kindern in Aleppo auf eine Möglichkeit wartete, in die Türkei zu kommen, während Russland die Offensive auf Ost-Aleppo startete.

Im neuen Jahr war es dann wie ein Wunder: Erdogan erlaubte einem Kontingent von Menschen aus Aleppo die Einreise in die Türkei. Es gab plötzlich diese Nummer auf Hanys Handy und am 17. März 2017 konnten wir Hanys Frau und die beiden Kinder am Frankfurter Flughafen abholen."

Der Mensch an der Seite

Ehrenamtsportal: "Inwiefern konnten Sie als Ehrenamtliche*r die Betroffenen begleiten und unterstützen?"

Astrid: "Da unser Freund ein sehr selbständiger Mensch ist, brauchte er uns in erster Linie als seelischen Beistand, als die Lage wirklich hoffnungslos schien. Und eben, um die finanziellen Mittel aufzubringen. Ich hatte glücklicherweise kurz davor meine Rentenversicherung gekündigt und konnte ihm zusätzlich zu dem Fundraising, das ich angeleiert hatte, etwas leihen. Er kann es mir zurückzahlen, sobald seine Selbständigkeit ins Rollen gekommen ist. Außerdem durfte ich die Chauffeurin sein und seine Frau und Kinder mit am Flughafen abholen. Das war der Hammer."

Ehrenamtsportal: "Wie haben Sie persönlich das Verfahren empfunden und welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Tätigkeit?"

Astrid: "Für mich ist über dieses Verfahren eine Welt zusammengebrochen. Ich hätte niemals gedacht, dass die Bundesrepublik Deutschland so inhuman und kaltherzig agiert. Ich habe mich mit einer Beschwerde an das Auswärtige Amt gerichtet, dass damals von Frank Walter Steinmeier geführt wurde. Die Antwort war eine klägliche Ausrede (man tut schon, was machbar ist...) - Im Tourismus werden jedes Jahr Millionen Menschen aus Deutschland in alle Welt gebracht. Das geht – aber im Ernstfall kann man leider nichts machen."   

Vom Wunder, Vernetzung & Austausch

Ehrenamtsportal: "Und wie ist die Geschichte ausgegangen?"

Astrid: "Diese Woche saß ich bei Hany auf dem Balkon. Es gab arabischen Kaffee, Kirschen und ein Formular, dass es zum neuen Kindergartenjahr auszufüllen gilt. Hany macht gerade den B2-Kurs in Deutsch. Er hatte eigentlich schon alles ausgefüllt, war sich aber nicht sicher, ob es so richtig ist. Der kleine Sohn brachte mir eine Tüte leckerer Mais-Flips. 

Wie die Geschichte ausgegangen ist, ist eigentlich ein Wunder und ein Segen. Ein Stück weit kann ich es immer noch nicht fassen."  

Ehrenamtsportal: "Hast Du einen Tipp für Mitstreiter*innen?"

Astrid: "Es gibt über die Diakonie einen Fond, über den man einen Teil der Transportkosten zurückerstattet bekommen kann. Wir hatten ein Problem mit dem Sachbearbeiter bei der Organisation, die den Antrag ausfüllen wollte. Danach hatten wir es bisher nicht geschafft, einen neuen Anlauf zu starten. Werden das aber noch in Angriff nehmen.

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man sich mitteilt. Viele Möglichkeiten ergeben sich durch unsere Vernetzung und den Austausch, der dadurch möglich ist. Es gibt überall Menschen, die sich auch heute für die Menschlichkeit einsetzen, und wunderbare Hilfestellungen geben. Sie zu finden geht aber am besten, wenn man sich mit den anderen in der Flüchtlingshilfe austauscht. Man kann über Facebook ja unterschiedlichster Meinung sein, aber in unserem Fall waren die Netzwerke, die sich dort gebildet haben, Gold wert. Und zwar die regionalen, wie auch die bundesweiten."  

Und sonst... Astrid in der Bildhauerei

In der Reihe "Gemeinsam unterwegs" berichtete das Ehrenamtsportal über Ehrenamtliche und ihr Engagement. Hier stellen wir Astrid vor, die als Bildhauermeisterin Meyhan zum Steinmetz ausbildet. Astrid hat uns zu sich in den Formenpark (http://der-formenpark.de/) eingeladen und uns unter anderem mehr über die Schwierigkeiten erzählt, auf die sie bei Ämtern und Behörden gestoßen ist.

Video Preview
Autorenbild

Astrid Hilt bildet als Unternehmerin einen geflüchteten jungen Mann aus und kann Einiges an Erfahrungen teilen. Sie hat mit der Begleitung von  Geflüchteten bei Behördengängen angefangen. Damit ihre Erfahrungen auch für andere Ehrenamtliche nützlich sind, hat sie 2016 eine Internetplattform gestartet. Neben den eigenen Beiträgen, sammelt und sortiert sie die vielen Infos, die es im Netz bereits gibt und macht sie in verschiedenen Sprachen zugänglich. Für sie stellt das Ehrenamtsportal eine wunderbare Möglichkeit dar, an Informationen zu kommen. Sie ist Protagonistin des Videos „Gemeinsam unterwegs – In der Bildhauerei mit Astrid“. 

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