Fluchterfahrungen

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Es gibt zahlreiche Gründe, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Und es gibt mindestens ebenso viele individuelle Geschichten und Erfahrungen. Hier erfahren Sie beispielhaft die Geschichte des zehnjährigen Ibrahims aus Nigeria.

© UNHCR, Nigeria

Ibrahim aus Nigeria: Lebendig begraben von „Boko Haram“, gerettet von seiner Schwester

Der zehnjährige Ibrahim wird den Tag nie vergessen, als bewaffnete „Boko Haram“ Milizen in das Dorf stürmten. Zusammen mit seinem Vater rannte er um sein Leben, aber die Männer schossen auf den Vater und holten sie ein. Die Angreifer hielten auch Ibrahim für tot. Doch seine Schwester fand ihn und rettete ihrem Bruder so das Leben. 

Die Mutter

Ibrahims Mutter, die 33-jährige Sarratou, erzählt: „Als sie das Dorf angriffen, rannte ich mit drei meiner Kinder. Das andere Kind, Ibrahim, rannte mit seinem Vater in die andere Richtung. Boko Haram griff sie an, tötete den Vater und schnitt ihm vor dem Kind die Kehle durch. Ich floh mit den anderen Kindern an die Grenze nach Kamerun.“

Ibrahim

Ibrahim erinnert sich. „Ich rannte neben meinem Vater. Als ich die Schüsse hörte, hatte ich Angst. Mein Vater sagte, ich solle rennen. Als sie uns sahen, schossen sie auf ihn und er fiel hin. Sie töteten meinen Vater. Ich weinte und sie zogen ihre Macheten und schlugen mich auf den Kopf. Ich bin ohnmächtig geworden. Ich konnte mich nicht bewegen. Später habe ich mich unter einen Baum in den Schatten geschleppt. Sie kamen zurück, hoben mich auf. Sie dachten, ich sei tot. Sie gruben ein Loch, warfen mich hinein und deckten mich mit Sand zu.“

Die Schwester

Ibrahims 13-jährige Schwester Larama rettete ihm zwei Tage später das Leben, als sie mit der Großmutter ins Dorf zurückkam, um nach dem Vater und dem Bruder zu suchen. Mit zitternder Stimme erzählt sie: "Ich wurde müde und setzte mich unter einen Baum und da bemerkte ich etwas mit Fliegen. Es war ein Mensch. Ich hatte Angst. Dann nahm ich allen Mut und versuchte mit ihm zu reden, aber er nickte nur. Ich fragte, ob es der „Junge“ sei, weil „Junge“ der Kosename meines Bruders war ― wir nennen ihn „Junge“. Er nickte ― er war es! Er hatte eine Wunde auf dem Kopf und das Gesicht war ganz voll Blut. Ja. Ich bin die, die ihn ausgrub und ihn auf dem Rücken trug. Ich dachte, ich sei nicht stark genug, um ihn zu tragen, aber irgendetwas gab mir die Kraft, ihn zu tragen. Ich war müde, aber ich musste das tun. Als die Leute mich sahen, fragten sie, wohin ich ihn trüge. „Ich bringe ihn nach Hause“, sagte ich. „Aber er ist doch schon tot, warum trägst du ihn?“, fragten sie. „Er ist nicht tot, er lebt“, sagte ich. 

Ibrahim und seine Familie im Interview

Inzwischen lebt Ibrahim mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in Kamerun. Lernen Sie die Familie und die Überlebensgeschichte von Ibrahim hier im Video kennen (leider nur auf Englisch).

Video Preview

Das Weiterleben

Ibrahim war über vier Monate im Krankenhaus. Jetzt kann er wieder zur Schule gehen, aber sein Leben wird nie mehr so sein wie vorher. Sarratou: „Er ist o.k. Aber jetzt humpelt er. Der linke Arm ist gelähmt. Er ist manchmal sehr still. Sein Leben hat sich verändert wegen des Angriffs. Jetzt geht Ibrahim in die Schule. Er spielt mit den Kindern. Er isst, aber wie er sich benimmt, das ist nicht mehr so wie früher.“ „Ibrahim mag den Englischunterricht und er spielt mit seiner Schwester und dem kleinen Bruder Fußball. „Und ich habe einen besten Freund, sagt er stolz.“ Nur die Zeit und viel Fürsorge werden zeigen, ob die inneren Wunden des Erlebten verheilen werden. 

Die Zukunft

Sarratou ist noch einmal ins Dorf zurückgekehrt: „Es ist alles abgebrannt“, erzählt sie resigniert.  Überlebende haben erzählt, dass die Angreifer mit Benzinkanistern kamen und alle Häuser angesteckt haben. „Es gibt nichts, zu dem wir zurückkehren können“, klagt  Sarratou. “Die Angreifer haben auch unser Vieh gestohlen: sieben Kühe und 13 Ziegen. Hier in Kamerun habe ich Lebensmittel und Wasser für  meine Kinder, sie können in die Schule gehen, wir haben eine Unterkunft und wir fühlen uns sicher. Wir werden nicht so einfach nach Nigeria zurückgehen. Für mich ist mein Zuhause jetzt das Flüchtlingslager. Momentan glaube ich nicht, dass ich diesen Ort verlassen werde.”  

Weiterführendes Material

Jeder Mensch auf der Flucht hat eine eigene Geschichte. Auf der Seite der UNO Flüchtlingshilfe UNCHR erzählen noch weitere Geflüchtete, warum sie geflohen sind, was sie erlebt haben, wie sie überlebt haben und wie sie heute leben. 

Die Falter Fluchtgeschichten Eritrea – Deutschland und Fluchtgeschichten Syrien – Deutschalnd zeigen Station für Station die Fluchterlebnisse der Geflüchteten Kibrom und Wisam als illustrierte Interviewstrecke. Weitere dazu passende Zusatzmaterialien finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Weitere spannende und gut recherchierte Informationen zum Thema Fluchtgründe, Länder und Fluchtgeschichten finden Sie auch unter: http://fluchtgrund.de/ 


Autorenbild

Diese Themenwelt ist entstanden in Kooperation mit der UNO-Flüchtlingshilfe. Als nationaler Partner des UNHCR mobilisiert die UNO-Flüchtlingshilfe die Menschen in Deutschland, um die weltweite, lebensrettende Arbeit des UNHCR finanziell zu unterstützen. Sie fördert Projekte für Geflüchtete in Deutschland und trägt durch Informationsarbeit über Flucht, Fluchtursachen und -schicksale zur Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft bei.  

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