Nigeria

Nigeria ist ein Land mit vielen Gegensätzen. Es ist der bevölkerungsreichste Staat und eines der wirtschaftlich stärksten Länder auf dem afrikanischen Kontinent. Die Großstadt Lagos im Süden Nigerias ist eine Weltmetropole, im Norden des Landes dagegen können sich die Menschen nicht ausreichend ernähren. Gewaltsame Konflikte in verschiedenen Landesteilen und Umweltkatastrophen vertreiben Millionen von Menschen. Außerdem erfahren Sie, weshalb ein tiefsitzendes Misstrauen die nigerianische Gesellschaft kennzeichnet.

Quiz „Vier Fakten und eine Lüge” – Nigeria

Was wissen Sie bereits über Nigeria? Welche der folgenden Aussagen ist falsch? Wählen Sie aus.

Geflüchtete aus Nigeria

Anzahl der Asylanträge, die 2018 in Deutschland gestellt wurden:
10.168 (Stand November 2019, Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge).
Hauptaufnahmeländer:
Niger, Kamerun, Tschad. Insgesamt 229.714 Nigerianer*innen sind in diese Nachbarländer geflüchtet. (Stand Juni 2019, Quelle: UNHCR – The UN Refugee Agency).
Anzahl der Binnenvertriebenen:
2,1 Millionen Nigerianer*innen (Stand Juni 2019 – Quelle: UNHCR Global Trends – The UN Refugee Agency ).
Wird Nigeria als sicheres Herkunftsland eingestuft?
Nigeria gilt aufgrund seiner zahlreichen bewaffneten Konflikte als nicht sicheres Herkunftsland.

Wie sind die politischen Verhältnisse in Nigeria?

Die Wahl des Präsidenten und des Parlaments 2015 gilt als Geburtsstunde der Demokratie in Nigeria. Es war der erste friedliche Machtwechsel einer Zivilregierung in der kurzen und turbulenten Geschichte dieses jungen Landes. Und das gibt Anlass zur Hoffnung!
Das Land, dessen Grenzen einstmals von den Kolonialmächten künstlich gezogen wurden und damit historisch gewachsene Gesellschaften zerteilten, wurde 1960 von Großbritannien unabhängig. Seit der Unabhängigkeit Nigerias stritten Offiziere und Putschisten um die Macht. Die kurze Geschichte des Staates Nigeria verzeichnete sieben Umsturzversuche, vier Militärdiktaturen und drei gescheiterte zivile Regierungen. Von 1967 bis 1970 kostete ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der nach Unabhängigkeit strebenden Region im Südosten und der Zentralregierung 3,5 Millionen Nigerianer*innen das Leben. Die meisten Opfer waren Kinder. Dieser Konflikt, den wir auch unter dem Namen Biafra-Krieg kennen, schwelt weiterhin, denn es geht dabei vor allem um die Verteilung der großen Erdölvorkommen Nigerias im Delta des Flusses Niger und des Golfs von Guinea. Selbsternannte Milizen, die von lokalen Machthaber*innen unterstützt werden, erpressen weiterhin Schutzzahlungen von der Zentralregierung sowie von Unternehmen. Entführungen und Überfälle gehören auch heute zum Alltag der Menschen im Niger-Delta. 

Inwiefern beeinträchtigt die Terrorgruppe „Boko Haram” das Leben der Nigerianer*innen?

Seit über zehn Jahren leben die Menschen im Nordosten Nigerias in Angst und Not vor der Terrorgruppe „Boko Haram”. 19.000 Menschen verloren seither bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen „Boko Haram”, ihren Splittergruppen und der nigerianischen Armee ihr Leben.

 Was verbirgt sich hinter der Terrorgruppe „Boko Haram“?
„Boko Haram” (die korrekte Übersetzung dieses Namens ist umstritten) begann 2002 als radikal-religiöse Protestbewegung mit Aktionen zivilen Ungehorsams gegen Armut, Ungleichheit und Dominanz westlicher Bildung sowie die Arroganz und Korruption der lokalen Machteliten. Über Jahre schwelte diese Auseinandersetzung, die dann 2009 in eine sich immer schneller drehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt mündete. 2015 wurde „Boko Haram“ als die gewalttätigste Terrorgruppe weltweit eingestuft. Mittlerweile ist die Terrorgruppe in mehrere untereinander konkurrierende Fraktionen gespalten, was diesen gewaltsamen Konflikt noch unübersichtlicher macht. Im Schatten der Terrorgruppen agieren kriminelle Banden, die die allgemeine Unsicherheit für ihre Raubzüge nutzen. 

Viele Menschen in Nigeria werden nicht nur Opfer des Terrors von „Boko Haram”, sondern auch von Menschenrechtsverletzungen, die die nigerianischen Sicherheitskräfte verüben. Wirtschaftliche Aktivitäten im Nordosten des Landes sind weitestgehend durch den Konflikt unterbunden. Die Terrorgruppen sind nach wie vor stark genug, um punktuelle Angriffe gegen Soldaten und Zivilisten durchzuführen; die nigerianischen Sicherheitskräfte sind wiederum nicht stark genug, das Gewaltmonopol des Staates durchzusetzen. Es ist eine Pattsituation, die seit Jahren anhält und Millionen von Menschen ihrer Heimat und Lebensgrundlagen beraubt. In Nigeria mussten 1,9 Millionen Menschen ihr Haus und ihren Hof verlassen; die meisten leben heute in Flüchtlingscamps beziehungsweise in Gastgemeinden. 

Dieser brutale Konflikt beeinträchtigt auch die Lebensgrundlagen der Menschen in den Nachbarländern Niger, Tschad und Kamerun, die im Einzugsgebiet des großen Tschadsees leben. Insgesamt sind 17 Millionen Menschen von diesem bewaffneten Konflikt betroffen. Fünf Millionen hungern und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.  

Warum ist die nigerianische Gesellschaft durch Misstrauen geprägt?

Nigeria ist der achtgrößte Erdölexporteur weltweit. Doch trotz seiner bemerkenswerten demokratischen Fortschritte kennzeichnet nach wie vor der Kampf um die Verteilung des Erdölreichtums die nigerianische Gesellschaft. In Nigeria leben 250 ethnische Gruppen mit sehr ausgeprägten sozioökonomischen, kulturellen und religiösen Identitäten, die um die Macht und die Nutzung der Reichtümer konkurrieren. Großes Misstrauen untereinander prägt die Menschen und deren Zusammenleben. Diese Verschiedenheit entlädt sich regelmäßig in gewaltsamen Konflikten, die Leben kosten und Menschen ihrer Lebensgrundlagen berauben. Zwischen Nigerianer*innen, die in Deutschland leben, spielt dieser Aspekt aber eher eine untergeordnete Rolle.

Das Land wird als eines der korruptesten der Welt wahrgenommen. Die regionalen Eliten halten sich durch ein ausgeklügeltes Patronage-System an der Macht und die Zentralregierung in Schach und missbrauchen die öffentlichen Kassen für ihre Eigeninteressen. Nigerianische Politiker*innen gelten als die bestbezahltesten der Welt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass in Nigeria überschwänglicher Reichtum und bittere Armut anzutreffen sind. Die Großstadt Lagos im dynamischen Süden ist eine Weltmetropole, im traditionellen Norden dagegen finden die Menschen keine ausreichende Ernährung.  

Wo liegen die Ursachen für die Hungersnot und das Elend am Tschadsee?

Die humanitäre Krise am Tschadsee, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, hat zahlreiche und durchaus komplexe Ursachen: Die Folgen des Klimawandels und der Raubbau an der Natur durch eine stark wachsende Bevölkerung, die um den Tschadsee leben, haben diesen in den letzten 40 Jahren um 90 Prozent schrumpfen lassen. 30 Millionen Menschen leben von diesem See. Er dient sowohl als Nahrungsquelle wie auch zum Gelderwerb. Die Regierungen von Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun sind nicht in der Lage, diese von den Machtzentren entlegenen Gebiete zu entwickeln und gemeinsame Maßnahmen zu koordinieren, obwohl die Menschen Sprache, Kultur und Geschichte vereint. Der Norden Nigerias gehört zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Regionen des Kontinents. Ähnlich wie im angrenzenden Niger beschränken Armut, Bevölkerungswachstum und Versteppung die Entwicklungschancen vieler Menschen.   


Durch diese Schlaglichter haben Sie nun ein wenig Einblick in die Rahmenbedingungen gewinnen können, unter denen Nigerianer*innen in ihrem Heimatland leben. Was können Sie als Hintergrundinformationen für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit mitnehmen?
► Die Demokratisierung in Nigeria macht Fortschritte und es ist zu hoffen, dass zukünftige Regierungen für bessere Lebensverhältnisse sorgen werden.
► Der gewaltsame Konflikt am Tschadsee wird noch auf Jahre Menschen in die Flucht zwingen. Im Nordosten Nigerias leiden viele unter dem Terror von „Boko Haram“ und unter den Menschenrechtsverletzungen durch das nigerianische Militär.
► Nigeria ist ein sehr heterogenes und komplexes Land mit vielen Gegensätzen und Konflikten. Das Zusammenleben der Menschen ist von großem Misstrauen geprägt.
► Die Folgen des Klimawandels und der Raubbau an der Natur hat eine humanitäre Krise am Tschadsee ausgelöst. 30 Millionen Menschen sind davon unmittelbar betroffen.

Weiterführendes Material

Als Literatur zu Nigeria empfehlen wir Ihnen die Romane „Alles zerfällt“ von Chinua Achebe (2012 erschienen im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main) und „Oil on Water“ von Helon Habila (in englischer Sprache 2011 erschienen bei Penguin, London) sowie das Sachbuch mit dem Titel „Nigeria: Macht und Ohnmacht am Golf von Guinea” von Heinrich Bergstresser (2010 erschienen bei Brandes & Apsel, Frankfurt am Main). 

Auch der englischsprachige Reiseführer „Nigeria - Culture Smart!: The Essential Guide to Customs & Culture” von Diane Lemieux (erschienen 2012 bei Kuperard, London) enthält aufschlussreiche Informationen über das Land. 

Zudem hat die Bertelsmann-Stiftung einen interessanten Länderreport („BTI 2016 – Nigeria Country Report“) über Nigeria veröffentlicht (in englischer Sprache). 


Welcher der zahlreichen Ethnien fühlen sich die nigerianischen Geflüchteten, die Sie betreuen, zugehörig? Welche Bedeutung hat für sie Identität? Wie begegnen sie anderen nigerianischen Geflüchteten in Deutschland? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns und schreiben Sie Ihre Antwort in die Kommentare!


Autorenbild

Jan Rogge arbeitete als Fachkraft der Entwicklungszusammenarbeit von 2013 bis 2017 in Nigeria. Heute lebt er in Bonn und arbeitet als freier Gutachter und Referent für das Programm “Bildung trifft Entwicklung”. Zusätzlich engagiert er sich ehrenamtlich für Initiativen, die Geflüchtete unterstützen.

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