Ist das auszuhalten? Psychosozialer Stress und Trauma

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Viele Geflüchtete haben Ereignisse erlebt, die zu psychosozialem Stress oder zu Traumata führen können. Eine anstehende Rückkehr kann sich zusätzlich auf den Stress auswirken. Wie können Ehrenamtliche bei solchen Herausforderungen unterstützen? Erfahren Sie es in dieser Lektion.

Während Gabi auf der Suche nach Informationen über Möglichkeiten rund um das Thema Rückkehr ist, wird ihr erneut deutlich, wie schwierig das Ganze für Ferhad ist. So ganz genau weiß sie nicht, was ihm im Irak und auf der Flucht widerfahren ist, denn er erzählt nur zögerlich und sie will nicht zu direkt nachfragen. Vielleicht, so denkt sie, bringt nun das Thema Rückkehr einige dieser Erinnerungen nochmal hoch. Vielleicht ist es auch ein Gefühl des Scheiterns, wenn er jetzt zurück geht? Andererseits kann sie sich auch vorstellen, dass die Belastung daher rührt, dass Ferhad in Deutschland so fremdbestimmt ist und ihm einige Möglichkeiten verwehrt sind, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Es kommt einfach Vieles zusammen. Jedenfalls ist es auch für sie oft nicht ganz einfach, damit umzugehen, und sie weiß auch nicht genau, wie sie mit ihm darüber reden kann.

Zum Einstieg in die Thematik: Testen Sie Ihr Vorwissen!

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die nach eigenen Angaben in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht selber Gewalt erfahren haben?
Bei wie viel Prozent der Geflüchteten besteht aufgrund des Erlebten ein konkreter Verdacht auf eine Depression?
Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland birgt einige Herausforderungen für Zugewanderte. Für wie viel Prozent der Geflüchteten ist es allein schon schwierig, Informationen zum Gesundheitswesen in einer für sie verständlichen Sprache zu erhalten?

Viele Menschen haben infolge von Krisen und Katastrophen in ihren Herkunftsländern oder bei der Flucht und Migration Ereignisse erleben müssen, die zu psychosozialem Stress oder Traumata führen können. Und auch im Aufnahmeland können noch weitere Belastungen hinzukommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einerseits kann es sehr problematisch sein, wenn die Erlebnisse im Heimatland oder auf der Flucht nicht verarbeitet werden (können), weil es zum Beispiel nicht genügend Therapieplätze gibt. Andererseits ist das Ankommen und die Integration im Aufnahmeland mit großen Herausforderungen und Belastungen verbunden: Sprache lernen, sich zurecht finden, kurzfristige und langfristige Pläne für sich und die Familie machen − aber auch das Bangen um die Aufenthaltserlaubnis, die mögliche Ablehnung oder die drohende Abschiebung können einen großen Einfluss auf die betroffenen Menschen haben. Hinzu kommen mögliche Diskriminierungserfahrungen im Alltag, auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt oder auch Aspekte wie das Wissen (oder Nichtwissen) um Familienangehörige, die noch in Not sind und vieles mehr. Derartige Belastungen und Traumata können also in allen Phasen des Migrationszyklus entstehen.

Nicht jede Belastung, die hieraus entsteht, ist gleich ein Trauma. Traurig oder gestresst zu sein, ist angesichts der genannten Erlebnisse oder Situationen erstmal eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation.

Ihr Anspruch als ehrenamtlich unterstützende Person sollte nicht sein, eine klare Diagnose zu stellen oder anstelle einer professionellen Hilfe therapeutisch zu arbeiten. Es kann aber wichtig sein, ein grobes Verständnis für die jeweiligen Situationen und damit einhergehenden Belastungen zu entwickeln. Hierbei soll diese Lektion Ihnen helfen.

Psychosozialen Stress und Trauma erkennen

Gestresst sind wir hin und wieder alle und nicht jede*r kann sich immer gleich gut konzentrieren. Der Unterschied zu dem Verhalten von Menschen, die von psychosozialem Stress oder Traumata betroffen sind, ist oft, dass bei ihnen die Symptome dauerhaft sind und immer wieder auftreten. Diese Symptome können den Alltag stark beeinträchtigen. Doch um welche Symptome handelt es sich? Folgendes Video zu Flucht und Trauma vom Max-Planck-Institut gibt einen Einblick darin.

Video Preview

Anzeichen bei psychosozialem Stress

Es gibt unterschiedliche Anzeichen für psychosozialen Stress. Wenn Sie wissen möchten, welche Symptome dabei auftreten können, klicken Sie auf unsere Wendekarten.

Achtung: Die belastenden Erlebnisse aus dem Herkunftsland oder von der Flucht sind möglicherweise schon (zum Teil) verarbeitet. Dennoch können gewisse Erinnerungen natürlich erneut bedeutend werden, wenn es um die Frage geht, ob die Betroffenen in ihre Heimatländer zurückkehren.

Ob ein Ereignis für jemanden traumatisierend wirkt, hängt auch von diversen Faktoren ab. Eine große Rolle spielen häufig vor allem diese drei Punkte:

  • Der Vorfall geschah unerwartet.
  • Die Person war nicht vorbereitet.
  • Es gab nichts, was die Person tun konnte, um das Geschehen zu verhindern.

Insbesondere der letzte Punkt weist darauf hin, dass es sehr schlimm sein kann, mitzuerleben, wie jemand anderem etwas zustößt und man nicht eingreifen kann, um zu helfen.

Achtung: Jede Person reagiert individuell auf die verschiedenen Situationen. Was bei dem einen Lethargie und Lustlosigkeit hervorruft, kann sich bei der anderen als extreme Ruhelosigkeit auswirken. Wichtig ist hier, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Auch jemandem zu sagen, er*sie sei traumatisiert, kann wiederum stigmatisierend und belastend sein. Ein Austausch mit anderen, die in ähnlichen Situationen sind, kann aber natürlich davon unbenommen sowohl für direkt Betroffene als auch für die unterstützende Person sehr hilfreich sein.

Was tun?

In erster Linie geht es darum, dass Sie sich − und unter Umständen auch dem Menschen, den Sie unterstützen − bewusst machen, dass diese Belastungen existent sein können, und dass sie auch durch den Prozess, den sie jetzt möglicherweise durchmachen, verstärkt werden können. Es gibt für den Umgang damit kein einfaches Rezept und Sie als Ehrenamtliche*r sollen keine*n Therapeut*in ersetzen. Aber eine gemeinsame Anerkennung der Probleme und Herausforderungen kann schon viel bedeuten. Insbesondere kommt es in diesem Zusammenhang auf die Kommunikation an. Hierfür gibt es einige Grundsätze, an die Sie sich halten können:

Der Umgang mit Menschen, die von psychosozialem Stress oder sogar Traumata betroffen sind, kann manchmal herausfordernd sein. Machen Sie sich klar: Sie sind nicht ihr*e Therapeut*in! (Vermutlich jedenfalls nicht.) Wenn jemand mit Ihnen das Gespräch sucht oder sich die Möglichkeit anderweitig bietet, können Sie jedoch versuchen, auf gewisse Punkte zu achten. Welche der folgenden Tipps sollte man beachten? Klicken Sie auf die Antwortoptionen, die Sie für richtig halten. Es sind mehrere Antworten möglich.

Im Gespräch ...
Im Laufe des Gesprächs ...
Wenn Sie helfen möchten ...

Anlaufstellen und Ansprechpartner*innen

Viele Regionen verfügen über psychosoziale Zentren, die auf die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen spezialisiert sind; manche bieten Beratung für Ehrenamtliche an. Hier finden Sie eine Übersichtskarte der Psychosozialen Zentren für Geflüchtete. Die regionalen Psychosozialen Zentren sind über die „Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer“ (BAfF) miteinander vernetzt und bieten für Hauptamtliche Schulungen zum Thema Traumatisierung an.

Das Zentrum Überleben ist bundesweit für ratsuchende Ehrenamtliche eine gute Anlaufstelle. Bei Bedarf erhalten Ratsuchende Verweise auf regionale oder lokale Hilfsangebote.

Weitere nützliche Informationen für Ehrenamtliche rund um das Thema Traumatisierung bietet die Seite flüchtlingshelfer.info.

Unter diesem Link finden Sie eine Arbeitshilfe zur Beantragung einer Psychotherapie für Geflüchtete.

Auf die vielfachen Belastungen mit zum Beispiel tiefer Trauer oder Verzweiflung zu reagieren, ist erstmal eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation. Damit umzugehen ist für die betroffenen Personen eine Herausforderung und auch für die unterstützenden Menschen nicht einfach. Wichtig ist: Jede Person reagiert anders und individuell. Nehmen Sie sich Zeit, drängen Sie nicht und versuchen Sie zu verstehen, wie Sie helfen können. Aber machen Sie sich auch klar: Es ist nicht Ihre Aufgabe, Menschen zu therapieren. Ein paar Regeln in der Kommunikation und zum Umgang können trotzdem viel bringen und vielleicht braucht es einfach etwas Zeit, sich aufeinander einzustellen.

Weiterführendes Material

Hilfreiche Ratgeber und Handouts für Engagierte von der Bundespsychotherapeutenkammer und Refugio

Ratgeber Flüchtlingshelfer - 106.98 KB
Zuhören hilft - 355.74 KB
Autorenbild

Jannik Veenhuis hat Islamwissenschaften und Geschichte studiert und arbeitet als Referent und Moderator zu den Themen Migration, Integration, Islam und gesellschaftliche Debatten. Er war für den DVV und DVV International als Experte und Trainer an der Konzeption und Umsetzung der Lehrkräfte-Fortbildung „Bildungsbrücken bauen – interkulturellen und psychosozialen Herausforderungen im Unterricht mit rückkehrinteressierten Geflüchteten kompetent begegnen“ beteiligt. Für das im Rahmen des BMZ-Programms „Perspektive Heimat“ durch die GIZ geförderte Projekt „Bildungsbrücken bauen – Weiterbildung für Rückkehrer*innen“ hat er auf dem vhs-Ehrenamtsportal die Themenwelt „Rückkehr ins Herkunftsland“ erstellt.

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Psychosozialen Stress erkennen

Haben Sie bereits Menschen betreut, die sich auf eine Rückkehr ins Herkunftsland vorbereiten und unter psychosozialem Stress gelitten haben? Haben Sie dies erkannt? Wie sind Sie damit umgegangen? Schreiben Sie darüber und tauschen Sie sich aus.

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