Inhalt anspringen

Aufgaben der Koordination und Begleitung Ehrenamtlicher

Erfahren Sie, welche Ressourcen und Strukturen hinter einem erfolgreichen Lernbegleitsystem stecken und was nötig ist, um Ehrenamtliche bestmöglich zu koordinieren und zu unterstützen.

Inhalt

Veröffentlicht 2022, aktualisiert am 01.02.26, OER-Lizenz CC BY-SA (Öffnet in einem neuen Tab)

Für Koordinator*innen ist es notwendig, sich zu verdeutlichen, dass die Aufgabe der Begleitung und Unterstützung von Ehrenamtlichen nicht allein in der Herstellung des Erstkontaktes zwischen Lernbegleiter*innen und Lernenden liegt. Als Koordinator*in begleiten Sie die Tandems durch die verschiedenen Phasen der Lernbegleitung und stehen bei Fragen und Problemen zur Verfügung. Sowohl die Koordinator*innen als auch die Einrichtung selbst sollten deshalb den erhöhten personellen Einsatz bei der Umsetzung eines solchen Systems im Blick haben.

Die Grafik fasst die Schritte zusammen, die Koordinator*innen und Interessierte an einem Tandem vom Erstkontakt bis zum Abschluss durchlaufen. Die Schritte werden in dieser Lektion einzeln erläutert, damit Sie gut einschätzen können, welcher Aufwand und wie viel Vorbereitung für die Zusammensetzung einer erfolgreichen Lernbegleitung einzuplanen ist. Denken Sie daran, dass das Modell lediglich als Orientierung dient: In der Praxis kann der Übergang zur nächsten Phase fließender sein als abgebildet. Außerdem können die einzelnen Phasen – je nach den Gegebenheiten vor Ort – unterschiedlich lang und anspruchsvoll sein. Im Folgenden werden die einzelnen Schritte ausführlich erläutert.

Erstkontakt

Besonders intensiv für die Koordination ist die Phase des Erstkontaktes einerseits mit den Lernenden, andererseits mit den Lernbegleiter*innen.

Für Sie als Koordinator*in ist der Erstkontakt mit den potenziellen Lerner*innen sowie mit den potenziellen Lernbegleiter*innen von besonderer Bedeutung, daher sollte genügend Zeit für ein bis zwei Treffen eingeplant werden. Folgende Gesprächsleitfäden bieten Ihnen eine Orientierung für die Kennenlerngespräche mit Lerner*innen und potenziellen Lernbegleiter*innen. Diese können Sie gerne für Ihre Arbeit nutzen.

Matching

Sobald eine geeignete Lernbegleitperson zur Verfügung steht, findet das sogenannte Matching statt, die Zusammenführung des Tandems und damit das gegenseitige Kennenlernen. Das Matching wird durch die Koordination moderiert. Nun gilt es zu prüfen, ob das Tandem zusammenpasst, Organisatorisches wie die Terminfindung und die Raumfrage zu klären und bei Bedarf passende Materialien für die ersten Übungseinheiten des Tandems zusammenzustellen.

Je nachdem bietet es sich an, dass die Koordination bereits zu diesem Zeitpunkt in Absprache mit den Tandempartner*innen die ersten Rahmenbedingungen festhält. Dieser betrifft häufig die ersten Etappenziele oder die Zahl der Treffen bzw. deren Dauer. Hierbei ist es wichtig, gegenseitiges Verständnis zu vermitteln und/oder Grenzen zu schützen. Erweist sich die Zusammenarbeit als passend, trifft sich das Tandem, abhängig von den Möglichkeiten der Beteiligten, in der Regel ein Mal wöchentlich für 60 bis 90 Minuten an den dafür vorgesehenen Lernorten des Projekts. Das Tandem sollte von nun an die Zeiten für seine Treffen selbständig organisieren.

Im Interview beschreibt Dr. Daniela Glück-Grasmann, wie sie Lerntandems "matcht" und worauf es dabei ankommt.

In Absprache mit der lernenden Person wählt die Lernbegleitung die Übungseinheiten und -schritte aus, während die Koordination der Lernbegleitung bei Bedarf beratend zur Seite steht und bei der Materialauswahl unterstützt. Im Interview beschreibt Dr. Daniela Glück-Grasmann, wie sie Lerntandems „matcht“ und worauf es dabei ankommt. 

Zahlen-Daten-Fakten-Phase

In der Zahlen-Daten-Fakten-Phase (ZDF-Phase) lernen sich die Tandempartner*innen näher kennen und tauschen sich über ihre Lebens- und Lernerfahrungen aus. Meist geht diese Phase fließend in die (selbst ausgehandelte) Kontraktphase über, in der sich die beiden über ihre Zusammenarbeit austauschen und (Etappen-)Ziele festlegen. Sofern das Tandem in diesen Phasen weitgehend selbständig handelt, ist es nicht nötig, dass Koordinator*innen von sich aus aktiv werden.

Veränderungsphase oder Abschied?

Der Einsatz der Koordinator*innen kann in der Veränderungsphase wieder notwendig werden. Nach einer Zeit des gemeinsamen Arbeitens und Erreichens der ersten gemeinsam festgelegten Ziele kann es sein, dass das Tandem Unterstützung bei der Festlegung eines neuen Ziels benötigt. Möglich ist auch, dass sich die Lebenssituation einer Person geändert hat, sodass neue organisatorische Absprachen getroffen werden müssen. Falls das Tandem es nicht schafft, sich selbst neu auszurichten, sollten die Partner die Koordination hinzuziehen und ihre Situation gemeinsam oder in Einzelgesprächen analysieren. Die Koordination wird dann beratend und unterstützend tätig. Sie hilft dabei, neue Ziele auszuhandeln und bringt neue methodisch-didaktische Anregungen ein.

Darüber hinaus gehört es auch zur Aufgabe der Koordination, den Abschluss einer Lernbegleitung zu moderieren. Wichtig ist, dabei sachlich zu bleiben und anzuerkennen, dass sich die Bedingungen geändert haben. Ziel der Schlussmoderation ist es, dass das die Personen im Tandem sich einvernehmlich und verständnisvoll voneinander verabschieden können. Möglich ist, einen letzten Termin zu vereinbaren– je nach Laune für eine ganz normale Lerneinheit oder für einen gemeinsamen Kaffee – und sich dann zu verabschieden.

Anlässe zur Reflexion bieten

Zusammenfassend durchläuft die Lernbegleitung unterschiedliche Phasen, in denen Sie als koordinierende Stelle mal mehr, mal weniger Rückmeldungen und Bitten um Hilfestellung erhalten werden. Wichtig ist, Lernbegleitungen so auszurüsten, dass diese ihre Rolle als ehrenamtliche Lernbegleitung bewusst wahrnehmen und Entwicklungen und Veränderungen eigenständig erfassen. Die Stärkung dieser Kompetenzen macht die Lernbegleitung selbstsicherer und unabhängiger und entlastet dadurch auch Sie in der Koordination. Gleichzeitig sollten Sie aber darauf vertrauen können, dass Sie in schwierigen Lagen zur Problemlösung hinzugezogen werden.

Daher gehört es auch zu Ihren Aufgaben als Koordinator*in, Ehrenamtlichen einen Anlass zur Reflexion über ihre Tätigkeit als Lernbegleiter*innen anzubieten. Das kann beispielsweise in Form einer festen Sprechstunde geschehen, Sie können Austauschtreffen mit mehreren Lernbegleiter*innen anbieten oder Gesprächstermine nach Bedarf vereinbaren. Eventuell bieten sich auch gemeinsame Gespräche mit den Lernenden an. Oder Sie finden andere Wege und versenden regelmäßig eine E-Mail mit Reflexionstipps an die Lernbegleiter*innen.

Unabhängig von der Form, die Sie für die Begleitung der Ehrenamtlichen wählen, finden Sie in der Grafik Ideen für Reflexionsanlässe.

Ehrenamt koordinieren und begleiten

Eine wesentliche Aufgabe von Koordinator*innen ist es, die Ehrenamtlichen für die Situation der Lernenden zu sensibilisieren und im Verlauf des Lernprozesses zu unterstützen. Das Lernen und Üben mit Erwachsenen, die Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben, birgt einige Besonderheiten, deshalb sollten Ehrenamtliche für die Ansprache und den Umgang mit ihnen gut vorbereitet sein. Dazu gehört auch, sich vorher mit der Zielgruppe auseinanderzusetzen und ein Gespür für sie zu entwickeln.

Wer sind die Lernenden?

In der Praxis sind es drei unterschiedliche Gruppen, die in Lernangebote zur Alphabetisierung und Grundbildung kommen:

  1. Erwachsene, die in Deutschland beschult wurden, aber trotzdem aus unterschiedlichen Gründen nie ausreichend flüssig lesen und schreiben gelernt haben.
  2. Erwachsene, die in ihrem Heimatland nicht oder nur gering beschult wurden.
  3. Erwachsene, die in ihrem Heimatland eine fundierte Schulausbildung erlebt haben / durchlaufen sind, aber Probleme mit der deutschen Schriftsprache haben.

Alle drei Gruppen bringen unterschiedliche Voraussetzungen und Bedarfe mit. Es ist daher wichtig, die Ehrenamtlichen darauf vorzubereiten.

Von Lese- und Schreibschwierigkeiten betroffene Menschen ziehen sich oft zurück. Sie leiden unter besonderen Herausforderungen im Alltag, haben häufig ein geringes Selbstbewusstsein, Versagensängste oder schämen sich für ihre schwachen Lese- und Rechtschreibkenntnisse. Gegenüber neuen Lernsituationen reagieren sie teils übermotiviert, teils aber auch unmotiviert. Aufkommende Erinnerungen an die Schul- und Ausbildungszeit und damit verbundene Kränkungen und psychische Belastungen können betroffene Personen zusätzlich hemmen und blockieren. Ehrenamtliche Lernbegleiter*innen sollten Anzeichen dafür erkennen können und wissen, wie sie die daraus resultierenden Verhaltensweisen einordnen und ggfs. darauf reagieren können.

Basiskenntnisse und Kompetenzen vermitteln

Zu einer guten Vorbereitung der Ehrenamtlichen gehören neben einer umfassenden Einführung in die Thematik, die Vermittlung von Kenntnissen über die Besonderheiten von erwachsenen Lerner*innen und schließlich auch das Sensibilisieren für Möglichkeiten und Grenzen der ehrenamtlichen Begleitung. Für Koordinator*innen ist es jedoch wichtig, sich das Thema Alphabetisierung und Grundbildung zuerst selbst umfassend zu erschließen, um Ehrenamtliche gut begleiten zu können.

Da vielen Ehrenamtlichen das Phänomen geringe Literalität bei Erwachsenen nicht oder kaum bekannt ist, ist die Vermittlung von Grundlagenwissen zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung dringend notwendig. Diese Aufklärungsarbeit dient nicht nur dazu, dass die Engagierten ein allgemeines Verständnis für das Thema gewinnen und Ursachen und Hintergründe kennenlernen. Durch das Hintergrundwissen können sie in ihrer Rolle als Lernbegleitung die individuellen Problemlagen auch besser identifizieren und die Gelegenheit nutzen, fördernd und ermutigend einzuwirken. Beispielsweise indem sie Lernenden Mut machen und zeigen, dass sie nicht alleine sind, oder auf Fortschritte hinweisen.

So geht’s:

Annäherungen an die Zielgruppe

Neben dem Erwerb von Hintergrundwissen ist es förderlich, wenn Ehrenamtliche zusätzlich auch Grundkompetenzen im Bereich der Methoden und Materialien, die ihnen zur Verfügung stehen, erwerben. Wenn sie sich darüber hinaus auch ein wenig mit den unterschiedlichen Niveaus (Alpha-Levels) auseinandersetzen, können sie zudem lernen, Anzeichen der Unter- oder Überforderung bei den Lernenden zu erkennen. Dazu ist es jedoch sinnvoll, sich erst einmal mit der Zielgruppe vertraut zu machen.

Ehrenamtliche sollten die Zielgruppe der Lernenden aus verschiedenen Perspektiven kennenlernen und anhand von Beispielen einen Eindruck von den Menschen, von ihren Problemen, aber auch von ihren Stärken erhalten.

Dazu eignen sich verschiedene Möglichkeiten und didaktische Methoden:

Ehrenamtliche Lernbegleitung – Aufgaben und Grenzen

Zu einer guten Vorbereitung von Ehrenamtlichen gehört neben einer umfassenden Einführung in die Thematik und den Besonderheiten von erwachsenen Lerner*innen auch das Schaffen eines Bewusstseins für die Möglichkeiten und Grenzen der ehrenamtlichen Begleitung. Es gibt natürlich auch Aufgaben, die nicht dem Ehrenamt zugewiesen werden können und sollten. Weitere Informationen zu den Aufgaben und Grenzen der ehrenamtlichen Lernbegleitung finden Sie in folgenden zwei Lektionen des Dossiers „Resilienz im Ehrenamt“

Organisation von vertiefenden Workshops und Fortbildungen

Neben der Sensibilisierungsschulung, die jede Lernbegleitung durchlaufen haben sollte, lohnt es sich, zusätzlich vertiefende Fortbildungsangebote zu organisieren. Kommen neue Ehrenamtliche hinzu, können diese Angebote wiederholt werden.

Was können Sie anbieten?

  • Vorstellung neu entwickelter Lernangebote und Materialien
  • Schulungen und Vorträge von Fachexpert*innen zu einzelnen Themen der Alphabetisierung und Grundbildung
  • Präsentation des vhs-Ehrenamtsportals mit frei wählbaren Schwerpunkten, z. B. Dossiers

In der Arbeit mit Lernbegleitungen können natürlich auch immer wieder Fragen und Probleme auftreten, ohne dass es bereits ein adäquates Fortbildungsangebot gibt. Diese Fragen und Probleme aufzugreifen, gehört ebenfalls zur Aufgabe der koordinierenden Stelle.

Der Erfolg von Lernbegleitungen steht und fällt mit gut vorbereiteten Ehrenamtlichen, die sowohl über didaktische und methodische Kenntnisse verfügen als auch über die Lebenslagen, Motivationsfaktoren und Frustrationserfahrungen der Lernenden im Bilde sind und daher auf Herausforderungen im Verlauf der Zusammenarbeit angemessen reagieren können. Dazu müssen sie vor und während ihrer Tätigkeit angemessen geschult, weitergebildet, beraten und begleitet werden. Um sich bei der ressourcenaufwendigen Ehrenamtsbegleitung zu entlasten, empfiehlt es sich, externe (Schulungs-)Angebote, Konzepte, Materialsammlungen etc. zu kennen und zu nutzen.

Weiterführende Materialien

Weiterführende Informationen und Materialien zu Grundbildung finden Sie auf www.grundbildung.de (Öffnet in einem neuen Tab)

Zur vorherigen und nächsten Lektion:

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Knotenpunkte für Grundbildung Trier
  • Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.
  • Knotenpunkte für Grundbildung Trier
  • Knotenpunkte für Grundbildung Trier

Werkzeuge