Mit mehreren Sprachen groß werden: Die Mehrsprachigkeit unterstützen

Ehrenamtsportal: Wie haben die Kinder Italienisch gelernt? Wie haben die Kinder Deutsch gelernt?   

Francesca S.: Sie haben die italienische Sprache mit mir  gelernt. Ich bin die Bezugsperson für diese Sprache und verwende sie  immer, wenn ich mit ihnen rede. Mein älteres Kind ist ein Schulkind und  nimmt seit der ersten Klasse am „Herkunftssprachlichen Unterricht“ auf  Italienisch teil, mein jüngeres Kind fängt im ersten Schuljahr damit an.  Deutsch haben sie von Anfang an mit dem Papa gelernt, mit der Tagesmutter, im Kindergarten und sie erleben die deutsche Sprache in  Ihrem Alltag in der gesamten Umgebung, sie wissen auch ganz genau, dass ich Deutsch spreche und verstehe.  

Ehrenamtsportal: Wie unterstützen Sie in Deutschland die Sprache Italienisch?    

Francesca S.: Ich liebe Bücher und habe schon immer den Kindern viele altersgerechte Bücher zur Verfügung  gestellt. Am Anfang waren es Bücher mit nur einem Bild pro Seite, dann Wimmelbücher. Die finde ich super, besonders die Wimmelbücher von Rotraud Susanne Bernhers: Sie sind auch für Erwachsene spannend und man entdeckt immer neue Details. Man kann mit den Wimmelbüchern vieles tun: Beschreiben, was man sieht, etwas im Bild suchen oder eine Geschichte  dazu erfinden. Wir haben auch viele Rollenspiele gespielt (Kaufladen,  Kochen, …) und telefonieren viel mit Oma und Opa in Italien. Ich habe viel vorgelesen und lese dem jüngeren Kind immer noch vor. Das ältere Kind liest bereits selbstständig, da muss ich nur noch schnell genug sein und es mit neuer „Literatur“ – wie es sagt – versorgen. Da hilft Online-Einkaufen sehr, auch wenn ich sonst nicht dazu stehe. Und ich nehme immer Bücher und Comics aus Italien mit, wenn wir dort sind. Oder bitte darum, welche mitzubringen, wenn wir Besuch haben. Wir schauen auch Kinder- oder Familienfilme auf DVD auf Italienisch, die Kinder schreiben der Verwandtschaft in Italien kurze Handynachrichten und sie freuen sich immer, wenn sie sich auch hier in Deutschland ein Eis auf  Italienisch kaufen können, weil sie wissen, dass der Verkäufer sie  versteht. Für die Schulkinder finde ich das schulergänzende Angebot „Herkunftssprachlicher Unterricht“ eine große Unterstützung: Da lernen die Kinder viele Vokabeln, vieles rund um das Land und üben das Lesen und das Schreiben. Und sie lernen auch das, was sie in der Schule im Fach Deutsch lernen: Satzglieder erkennen, kurze Bildergeschichten schreiben… Welches 9-jährige Kind würde sich sonst freiwillig mit der Mutter oder mit dem Vater an den Tisch setzen, um einen Text  zu schreiben? Außerdem können die Kinder auch mit dem Lehrer und mit den anderen Kindern die Sprache verwenden.       

Ehrenamtsportal: Wie verträgt sich der HSU (Herkunftssprachlicher Unterricht) mit dem Arbeitspensum der Schule und den Hausaufgaben? Kommt es zu Konflikten?   

Francesca S.: Naja, es ist schon eine zusätzliche Belastung. Mein Kind macht die Hausaufgaben für Italienisch immer an dem Tag, an dem es keine Hausaufgaben für die Schule gibt, somit hat es nicht frei. Und am nächsten Nachmittag hat es nach der Schule zwei Stunden Italienisch und kann nicht mit den Hausaufgaben für die Schule anfangen. Das führt oft dazu, dass die Hausaufgaben auch am Wochenende gemacht werden und das ist eine Belastung für die ganze Familie.    

Ehrenamtsportal:  Wie schätzen Sie, dass Ihr Kind das empfindet?    

Francesca S.: Er weiß Bescheid und merkt, dass Italienisch eine zusätzliche Belastung ist. Er hat vielleicht mehr „Termine“ als andere Kinder. Aber er ist stolz, wenn wir in Italien sind, dass er sich selbstständig unterhalten kann, mit anderen Kindern  spielen und das Spiel mitgestalten kann. Es gibt viele Kinder in der Schule, die andere Sprachen sprechen und die am Herkunftssprachlichen Unterricht in anderen Sprachen teilnehmen. Das wissen die Kinder und  fühlen sich nicht wie Sonderlinge: Das eine Kind geht zu Griechisch, das andere zu Türkisch, das nächste zu Polnisch. Wenn ich darüber nachdenke, würde ich sagen, dass mindestens ein Drittel der Kita- und  Schulkinder in unserem Umfeld mehrsprachig aufwächst. Vielleicht ist es  sogar die Hälfte.  

 Ehrenamtsportal: Warum unterstützen Sie die Mehrsprachigkeit und dass ihr Kind Ihre Muttersprache(n) spricht? 

Francesca S.: Mir war in erster Linie wichtig, dass sich die Kinder mit meinen Eltern und mit meiner Verwandtschaft und Freunden in Italien verständigen können, das war mein Hauptanliegen. Meine Eltern und Verwandten sprechen kein Deutsch und haben keinen Bezug zu dieser Sprache. Es wäre für mich sehr traurig, wenn sie und die Kinder nicht in der Lage wären, miteinander zu kommunizieren. Und ich finde das wichtig für die kulturelle Identität. Wir sprechen, essen, singen, schauen Filme und erleben Teile der Kultur beider Länder. Ich habe jahrelang Italienisch-Kurse an deutschen Universitäten geleitet und habe Studierende kennengelernt, die aus verschiedenen Gründen die italienische Mutter- oder Vatersprache als Kinder nicht gelernt haben und Jahre später dann bei mir im Kurs waren, um die Sprache als junge Erwachsene zu lernen. Sie haben sich immer sehr darüber geärgert, dass man Ihnen diese Möglichkeit, die Sprache als Kind zu erlernen, nicht gegeben hat. Die Erfahrungen können von Familie zu Familie und von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Meine Kinder fühlen sich in beiden Sprachen wohl, gehen sehr kreativ mit der Sprache um und verfügen Dank der Zweisprachigkeit über einen breiten Wortschatz; das betonen meistens die Lehrer für Deutsch und Italienisch im Gespräch mit mir.    

Ehrenamtsportal: Ist Ihnen eine der Sprachen für die Kinder wichtiger?   

Francesca S.: Beide Sprachen sind mir wichtig für die Kinder. Italienisch ist meine Muttersprache und ich hänge daran, ich bin ja in dieser Sprache aufgewachsen. Mir ist wichtig, dass sich die Kinder in dieser Sprache mitteilen können, und ich freue mich, dass ich mit den Kindern die Sprache meiner Kindheit und meines Herzens sprechen kann. Ich fordere Italienisch, weil wir in Deutschland leben und das die „schwächere“ Sprache ist. Andererseits leben wir in Deutschland, sie besuchen eine deutsche Schule und sollten selbstverständlich der deutschen Sprache mächtig sein – ohne geht es gar nicht.   

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