Ist der Syrer nur ein Syrer?

Syrien ist – wie eigentlich der ganze Nahe Osten – ein Flickenteppich verschiedener kleiner und großer Volksgemeinschaften und religiöser Gruppen – und war es in früheren Zeiten noch viel mehr.  

  • Die größte Bevölkerungsgruppe in Syrien sind die Sunniten mit – vor dem Krieg – etwa 75 Prozent. 
  • Es gibt im Norden des Landes kurdische Gebiete mit einer kurdischen Bevölkerung von schätzungsweise einer Million (alle diese Zahlen über Syrien sind sehr ungenau).  
  • Außerdem gibt es mit ca. 10 Prozent die Bevölkerungsgruppe der Alawiten, die eigentlich aus dem Küstengebirge kommen, und meist zu den Schiiten gezählt werden.  
  • Daneben gibt es zahlreiche christliche Kirchen und Gemeinschaften, deren Zahl im Verlauf der letzten 100 Jahre wie überall im Nahen Osten dramatisch abgenommen hat. Vor dem Krieg hat man mit rund 10 Prozent christlichem Bevölkerungsanteil gerechnet.
  • Dazu kommen weitere Bevölkerungsgruppen wie die Drusen.  

Wenn ein Syrer oder eine Syrerin nun einem anderen Syrer oder einer anderen Syrerin begegnet, dann wird er bzw. sie sehr schnell herausgefunden haben, woher der oder die andere kommt und welcher Gruppe oder Religion er bzw. sie angehört. Das ist für uns Deutsche manchmal etwas irritierend, denn die Konsequenzen, die das haben kann, sind ganz andere als in Deutschland, wenn man zum Beispiel fragt, ob jemand aus Bayern oder aus Berlin kommt. 

Es gibt viele Abgrenzungen, die die syrische Gesellschaft durchziehen und die durch den Krieg zu Abgründen geworden sein können. Menschen werden in Syrien quasi automatisch, ob sie wollen oder nicht, zu der Gruppe gerechnet, in die sie hinein geboren wurden. Im Alltag kann das beispielsweise heißen, dass einer Alawitin ungefragt unterstellt wird, dass sie das Regime der Assads unterstützt. Denn: Baschar al Assad und seine Familie gehören den Alawiten an. Bestimmte wichtige Bereiche des Regimes, vor allen Dingen die Sicherheitskräfte, sind praktisch nur mit Alawiten besetzt. Viele Alawiten – aber nicht alle! – haben von der Diktatur Assads profitiert. Jetzt werden sie als Gruppe mit dieser Diktatur identifiziert – ob sie persönlich anderer Ansicht sind, spielt dabei keine Rolle. 

Die Diktaturen des Nahen Ostens haben dieses Gegeneinander-Ausspielen der Bevölkerungsgruppen immer gekonnt benutzt. Die meisten der syrischen Flüchtlinge in Deutschland etwa sind Sunniten. Das ist kein Zufall, denn sie werden von der Regierung Assad vertrieben. Das Ziel ist, dass sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in strategisch wichtigen Regionen ändert. Die Christen in Syrien wiederum stehen tendenziell auf der Seite des Regimes, denn es verspricht, sie zu schützen. Gleichzeitig bedeutet das aber, dass „die Christen“ zum potentiellen Ziel der anderen Seite werden. Was die einzelnen Syrer oder Syrerinnen darüber denken oder was sie wollen, hat dabei keine Bedeutung. Menschen werden dabei nicht als Individuen verstanden, sondern nur als Angehörige ihrer jeweiligen Gruppe. 

Wie sich diese starken Abgrenzungen zwischen den einzelnen Gruppen für die Menschen in Syrien im Alltag zeigt, fasst unser Experte Dr. Oliver M. Piecha noch einmal in diesem Video zusammen:

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