Was ist mir wichtig? Das Spannungsfeld zwischen Offenheit und eigenen Grenzen kennenlernen

Beim interkulturellen Lernen geht es nicht nur um Offenheit und Toleranz für andersartiges Verhalten. Es geht darum, die eigenen (Toleranz-)Grenzen kennenzulernen und zu hinterfragen: Was ist mir wichtig? Welche von meinen Ansichten sind nicht verhandelbar und welche schon?  Sie arbeiten mit Geflüchteten zusammen, bieten Deutschunterricht an, leiten Musik- oder Kreativgruppen, helfen bei Behörden-Terminen oder organisieren Veranstaltungen. Dabei gibt es viele Erwartungen und Regeln – einige davon ausgesprochen, andere nicht – die ihre Grundlage in den jeweiligen Wertvorstellungen haben.    

Was heißt das konkret?   

Fallbeispiel Karateverein

Jürgen leitet seit Jahren eine Karategruppe in seinem Sportverein. Seit Kurzem hat er das Angebot für Geflüchtete geöffnet und es kommen einige Männer aus der nahegelegenen Unterkunft. Abgesehen von Verständigungsschwierigkeiten gibt es einige weitere Stolpersteine. Er holt sich Rat bei einer befreundeten Übungsleiterin, die schon länger Angebote für Geflüchtete durchführt. Gemeinsam überlegen sie, welche Erwartungen Jürgen an die Geflüchteten hat und welche ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln es bei seinem Sportangebot gibt:

  • Alle müssen pünktlich sein, da das Training mit einem gemeinsamen Gruß (Za-Rei) beginnt.
  • Es herrscht eine klare Hierarchie zwischen Übungsleiter und Teilnehmenden.
  • Männer und Frauen trainieren zusammen.
  • Man darf nicht mit Straßenschuhen in die Sporthalle kommen.
  • Es wird als störend empfunden, wenn jemand ständig Trinkpausen während des Trainings macht.
  • Man duscht nach dem Training in der Sporthalle.
  • Im Anschluss geht man gerne einmal gemeinsam auf ein Getränk ins Vereinsheim.
  • Wenn man nicht zum Training kommen kann, sagt man rechtzeitig vorher Bescheid.   

Jürgen kann nun überlegen, welche dieser Regeln für ihn wichtig und welche verhandelbar sind. So ist das Prinzip, dass Männer und Frauen gemeinsam trainieren nicht verhandelbar, aber es ist kein Problem für ihn, dass die Männer lieber in der Unterkunft duschen als in der Sporthalle. Häufig kommt es auch nur darauf an, Geflüchteten die vielen Regeln zu erklären und Verständnis dafür zu schaffen.   

Überlegen Sie einmal: Welche Regeln und Erwartungen – bewusst oder unbewusst – haben Sie in Ihrer Arbeit mit Geflüchteten? Was ist davon verhandelbar und was nicht? Und warum ist das so? Wie gehen Sie damit um, wenn Ihre Erwartungen nicht erfüllt werden? Helfen Sie Geflüchteten dabei diese Regeln kennenzulernen und versuchen Sie sich auch einmal flexibel zu zeigen, um Dinge anders zu machen. Denn die eigenen Wertvorstellungen und Regeln müssen nicht immer der Maßstab sein, nach dem sich alles richten muss.

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