Selbstfürsorge und weiteres Engagement

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Ehrenamtliche Helfer*innen werden nicht selten mit schweren Schicksalen und verstörenden Erfahrungen konfrontiert. Es ist deshalb wichtig, dass Sie auch auf ihre eigene psychische Gesundheit achten − als wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Engagement.

Bild: Samuel F. Johanns auf Pixabay

Ferhad über so lange Zeit zu unterstützen, war Gabi wirklich ein großes Anliegen. Sie bemerkte allerdings auch schon früh, dass das ganze Thema sie zum Teil sehr belastet. Was Ferhad erzählte, war für Gabi manchmal gar nicht auszuhalten, und es beschäftigte sie auch nach ihren Treffen noch sehr. Auch bei den Recherchen zur Rückkehr stieß sie immer wieder auf deprimierende Erfahrungsberichte und Geschichten, die sie sehr bedrückten.

Belastung und Traumatisierung

Ein paar Fragen zum Einstieg:

1. Was schätzen Sie: Für wen kann ein bestimmtes Erlebnis traumatisch wirken? Mehrere Antworten sind möglich.
2. Was schätzen Sie: Was bedeutet der Begriff “sekundäre Traumatisierung”?
3. Wie hoch ist der Anteil von Menschen (die in einem entsprechenden Kontext aktiv sind), die von einem sekundären Trauma betroffen sind?
4. Welche Faktoren erhöhen Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit einer sekundären Traumatisierung? Mehrere Antworten sind möglich.
5. Was denken Sie: Welche Ansätze sind wichtig, um einer sekundären Traumatisierung vorzubeugen?

Achten Sie auf sich selbst

Im Kontext Flucht sind Sie und viele andere Engagierte häufig mit schweren Schicksalen, verstörenden Erfahrungen und deprimierenden Berichten konfrontiert. Zum Glück gibt es viele Möglichkeiten, wie Menschen mit psychosozialem Stress und Traumata unterstützt werden können. Es ist jedoch auch wichtig, dass Sie ein Auge auf Ihre eigene psychische Gesundheit haben − das ist nicht egoistisch, sondern eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Engagement. Dabei muss es nicht immer um ausgeklügelte Ansätze gehen. Hier finden Sie einige einfache Techniken, die helfen können.

Weiter geht's?

Ferhad ist jetzt seit drei Wochen zurück im Irak und hat kürzlich ein Foto von ihm in neuer Arbeitskleidung geschickt. Er sieht glücklich aus, aber Gabi weiß natürlich auch, dass es nur ein Foto ist. Sie meldet sich regelmäßig bei Ferhad und fragt, wie es ihm geht. Da sie in den letzten Monaten und Wochen so viel Zeit damit verbracht hat, Ferhad zu unterstützen, fühlt es sich jetzt seltsam an, nur noch wenig tun zu können. Sie hat viel Zeit und reflektiert auch nochmal den Prozess, bei dem sie Ferhad von Beginn an und im Speziellen nochmals jetzt zum Schluss begleitet hat. Sie blickt kritisch auf das Thema Flucht, findet, die Politik könnte mehr tun und beschließt, sich weiter zu engagieren.


Wenn etwas, in das man viel Zeit und Herzblut investiert hat, dann nicht mehr da ist, können erstmal Fragezeichen entstehen, von denen hier einige kurz angesprochen werden sollen:

Wie kann ich über die Entfernung Kontakt halten?

Am Einfachsten sind sicher Chatprogramme auf dem Handy (WhatsApp und andere). Wie Sie vorher kommuniziert haben, können Sie unter Umständen also weiterhin kommunizieren (zumindest technisch). Darüber lassen sich in der Regel ja auch Sprachnachrichten verschicken (z.T. sicher einfacher als zu telefonieren), auch Videoanrufe sind möglich.

Sollte ich Kontakt halten? Für mich selbst?

Was es für die einzelnen Menschen bedeutet, wieder in ihrem Herkunftsland zu sein, ist nicht vorherzusagen. Und ob sie dann weiterhin Kontakt halten können und wollen, ist auch unklar. Einigen kann es sicher sehr helfen, wenn sie sich regelmäßig austauschen und vielleicht sogar die Entwicklungen in der Jobsuche oder Gründung begleiten, für andere ist ein kurzes Telefonat oder eine Nachricht alle paar Wochen besser. Es kann genauso gut sein, dass es für die Person wichtig ist, sich ganz auf die neue Situation zu konzentrieren und Deutschland “hinter sich zu lassen”. Nehmen Sie das nicht persönlich, verstehen Sie das nicht als Geringschätzung Ihres Engagements. Jede Person reagiert unterschiedlich und es ist wichtig zu verstehen, dass alles neu geordnet werden muss. Was wem gut tut − auch Ihnen selbst − muss man vielleicht einfach erstmal herausfinden.

Was mache ich mit der freigewordenen Zeit?

Menschen, die nach ihrer Fluchterfahrung und bei den alltäglichen Herausforderungen in Deutschland weiterhin Unterstützung gebrauchen können, gibt es nach wie vor. Vermutlich haben Sie genügend Kontakte und Ansprechpartner*innen, falls Sie sich weiterhin in diesem Bereich engagieren wollen. Falls nicht, gibts es in vielen Bereichen etwas zu tun. Bei PRO ASYL oder bei der Diakonie, bei der Caritas oder bei der Tafel e.V. können Sie fündig werden, wenn Sie auf der Suche eines neuen Engagementsfeldes sind.

Anderweitig engagieren?

Einzelne Menschen zu unterstützen, kann sehr sinnvoll sein und einem selbst viel geben. Es kann aber auch frustrierend sein, weil man im Grunde “Symptombekämpfung” betreibt und an den (Flucht)Ursachen nichts verändert. Sollten Sie hier ansetzen wollen, gibt es ebenfalls diverse Stellen, an denen Ihr Engagement sinnvoll ist und gebraucht wird. Es gibt Initiativen wie ProAsyl oder ähnliche, die neben ihrem Einsatz für Einzelfälle auch mit der Politik kommunizieren, publizieren oder anderweitig auf höherer Ebene agieren. Und es gibt selbstverständlich auch die politischen Parteien selbst, bei denen Sie sich einbringen können, um auf eine langfristig konstruktive Lösung hinzuwirken.

Flucht und Rückkehr: Ein großes Thema

In den vorangegangenen Lektionen haben wir Informationen und Material rund ums Thema “freiwillige Rückkehr” zusammengetragen. Wir hatten dabei das Ziel, Sie in ihrem Engagement zu unterstützen, wenn Sie in Kontakt mit Menschen sind, für die eine solche Migration ins Herkunftsland in Frage kommt. Wann das sinnvoll ist, ist von Fall zu Fall, von Mensch zu Mensch, sehr unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab. Wir hoffen, Sie haben hier Nützliches erfahren, aber auch Anstöße für weitere Recherche und Beratung erhalten und wünschen Ihnen, gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die Begleitung einer Person während der Vorbereitung auf eine Rückkehr in ihr Herkunftsland bringt Einiges mit sich an psychischer Belastung und Stress. Ist die Person wieder in Ihrem Herkunftsland zurückgekehrt, sind oft die Psyche und die Gefühle strapaziert. Nehmen Sie sich die Zeit, um sich um Sie selbst zu kümmern. Fühlen Sie in sich hinein, wie es Ihnen geht. Wenn es nötig ist, zögern Sie nicht und holen Sie sich Hilfe in Form von psychologischer Unterstützung, Beratung oder ähnliches. Tauschen Sie sich mit anderen Ehrenamtlichen aus ihrem Netzwerk aus. Der Austausch kann Sie entlasten und andere Ehrenamtliche können aus Ihrem Erfahrungsschatz profitieren.



Autorenbild

Jannik Veenhuis hat Islamwissenschaften und Geschichte studiert und arbeitet als Referent und Moderator zu den Themen Migration, Integration, Islam und gesellschaftliche Debatten. Er war für den DVV und DVV International als Experte und Trainer an der Konzeption und Umsetzung der Lehrkräfte-Fortbildung „Bildungsbrücken bauen – interkulturellen und psychosozialen Herausforderungen im Unterricht mit rückkehrinteressierten Geflüchteten kompetent begegnen“ beteiligt. Für das im Rahmen des BMZ-Programms „Perspektive Heimat“ durch die GIZ geförderte Projekt „Bildungsbrücken bauen – Weiterbildung für Rückkehrer*innen“ hat er auf dem vhs-Ehrenamtsportal die Themenwelt „Rückkehr ins Herkunftsland“ erstellt.

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Selbstfürsorge und weiteres Engagement

Wie hat sich auf Sie die Begleitung einer Person, die sich auf eine Rückkehr vorbereitet hat, ausgewirkt? Haben Sie währenddessen Unterstützung gesucht und gefunden? Wie sind Sie mit Ihrer eigenen psychischen Selbstfürsorge umgegangen? Haben Sie sich nach Ihrer Erfahrung erneut engagiert oder haben Sie vor, es bald wieder zu tun? Teilen Sie es uns mit.

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