Radikalisierung als Prozess – Erkennen, Bewerten, Handeln

Was verstehen wir unter einer Radikalisierung und warum kommt es dazu? Welche Motive stecken dahinter, wenn sich Menschen extremistischen Gruppierungen anschließen? Genau auf diese Fragen möchten wir Ihnen in diesem Kapitel Antworten geben.

Bild: Pexels

Radikalisierung als Prozess

Es gibt nie nur eine Darstellung oder einen Grund für eine Radikalisierung, noch gibt es einen idealtypischen Verlauf, der sich immer wiederholt. Eine Radikalisierung ist bedingt durch eine Vielzahl an individuellen und gruppendynamischen Faktoren und es existieren unterschiedliche Modelle, die den Radikalisierungsprozess versuchen zu erklären. 

Im Allgemeinen wird von einer demokratiefeindlichen Radikalisierung gesprochen, wenn sich eine Person von den geltenden gesellschaftlichen Regeln abwendet und die Etablierung eines anderen politischen Systems fordert. Radikalisierung wird als Prozess verstanden und darf nicht mit Gewalt gleichgesetzt werden. Zwar kann eine Radikalisierung in der Ausübung von Gewalt enden, dies ist jedoch nicht zwangsläufig der Fall. Erstens ist das Ausmaß einer Radikalisierung von Person zu Person verschieden und zweitens ist der Radikalisierungsprozess durch eine mögliche Deradikalisierung aufzuhalten beziehungsweise umzukehren. 

Trotz der Unterschiede in den Radikalisierungsverläufen werden folgende Elemente wiederholt benannt:  

  • Die Öffnung und Hinwendung zu radikalen Positionen geschieht nicht immer aus rein ideologischen Motiven: Neben hochideologisierten Anführer*innen gibt es viele Mitglieder mit (zunächst) geringen ideologischen Motiven.  
  • Im Vordergrund steht die Suche nach Sinn und Orientierung innerhalb der extremistischen Gruppe: Die Bezugspersonen verschieben sich weg vom bisherigen Freundeskreis und dem sozialem Umfeld.  
  • Die  Ideologie wird im Verlauf einer Radikalisierung immer mehr verinnerlicht und nach und nach zum Teil der eigenen Identität. So gerät die betreffende Person immer tiefer in das extremistische Netzwerk, das die Lebenswelt der betreffenden Person immer stärker bestimmt.    

Neben Parallelen im Radikalisierungsverlauf gibt es auch Gemeinsamkeiten bei den Motiven von Personen, die sich radikalisieren. Trotzdem sollten Sie nicht vergessen, dass es immer auch persönliche, ausschlaggebende Gründe für eine Radikalisierung gibt. Folgende Aspekte können hervorgehoben werden: 

  • Aspekte des Erwachsenwerdens (z.B. Suche nach Sinnstiftung und Orientierung, bewusst provokante Abgrenzung vom Elternhaus, Wunsch nach Anerkennung und Respekt, Suche nach der eigenen Identität) 
  • Einfluss von Ausgrenzungs- und Krisenerfahrungen (z.B. mangelnde bzw. schlechte Integration in den Bildungs- und Ausbildungsbereich sowie den Arbeitsmarkt, fehlende soziale Zugehörigkeit sowie Misserfolge in unterschiedlichen Lebensbereichen)   
  • Bedeutung der Gruppe als identitätsstiftendes Merkmal: Vermittlung von Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühlen (durch z.B. Wir-Ihr-Gegensätze, Schwarz-Weiß-Bilder und Gut-Böse-Unterscheidungen)  

Was bieten extremistische Gruppierungen?


All diese Punkte stellen Bedürfnisse von sich radikalisierenden Personen dar, welche von extremistischen Gruppierungen dankbar aufgegriffen werden. 

Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene

Junge Erwachsene, die sich in offenen Such- und Orientierungsprozessen befinden, sind besonders anfällig für die Ansprache durch extremistische Gruppierungen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Anerkennung wird durch die extremistische Gruppe aufgegriffen. Die Abwertung und Abkehr von der Mehrheitsgesellschaft fördern das Gefühl, Teil einer elitären Gruppe zu sein, welche den richtigen Weg erkannt hat und Andersdenkende zum Umdenken zwingen muss. Für junge Erwachsene mit Gewalt-, Diskriminierungs- und/oder Fluchterfahrungen kann die extremistische Ideologie eine Kompensation für bisherige Erlebnisse darstellen. Aber Achtung: Natürlich nimmt nicht jede*r, der*die solche Erfahrungen gemacht hat, extremistische Verhaltensweisen an. Fehlen jedoch alternative Bewältigungsmechanismen sowie ein stabiles soziales Netzwerk, erscheinen die vermeintlich klaren Antworten extremistischer Gruppierungen äußerst attraktiv.   

Was können Anzeichen für eine Radikalisierung sein?

Es ist nicht möglich, eine Checkliste zu erstellen, anhand derer eine Radikalisierung sofort erkannt und geeignete Maßnahmen aufgezeigt werden können. Entscheidend ist immer der Einzelfall.   

Die im Folgenden dargestellten Aspekte sollen Ihnen lediglich eine Orientierung bieten. Verfallen Sie auch dann nicht in Panik, wenn mehrere dieser Anzeichen auftauchen, sondern suchen Sie das Gespräch oder kontaktieren Sie eine Beratungsstelle, um in Ruhe die Situation zu reflektieren. 


Veränderungen in den Einstellungen und Verhaltensweisen 

Zieht sich die Person aus ihrem bisherigen Umfeld zurück? Verändert sich ihre Beziehung zu Freunden und/oder der Familie? Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann man sich die Frage stellen, ob die wahrgenommenen Veränderungen über das „normale“ Maß an Umbruchsituationen während des Heranwachsens hinausgehen. Veränderungen in den Einstellungen und Verhaltensweisen einer Person fallen meist im direkten Umfeld auf. Das bedeutet, dass insbesondere Menschen aus der Schule, dem Sportverein, dem beruflichen und privaten Umfeld ungemein wichtig sind, um Persönlichkeits- und Identitätskrisen sowie weitere Motive (zum Beispiel Unzufriedenheit, Gefühl der Ohnmacht, Orientierungslosigkeit) zu erkennen und aufzugreifen. In manchen Fällen kann eine Hinwendung zu einer extremistischen Gruppe mit einer Veränderung im äußeren Erscheinungsbild einhergehen. 


Meinungen mit geschlossenem Weltbild 

Vertritt eine Person ein sehr enges Weltbild und wertet andere Personen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ab? 

Achtung: Es ist enorm schwierig zwischen reiner Provokation und extremistischen Einstellungen zu unterscheiden. Insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommt es manchmal zu extremen Äußerungen, die nichts mit einer extremistischen Ideologie zu tun haben, sondern dem Wunsch nach Aufmerksamkeit geschuldet sind. 

Suchen Sie das Gespräch, geben Sie Ihrem Gegenüber Zeit, seine*ihre Sichtweise zu erklären und fragen Sie nach, ohne bereits eine Bewertung vorzunehmen! Falls Sie der Meinung sind, es liege ein Weltbild vor, das extreme politische und/oder religiöse Positionen beinhaltet und dass sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richtet, sollten Sie aktiv Kontakt mit einer Beratungsstelle aufnehmen, um gemeinsam eine geeignete Reaktion zu erarbeiten.   
 

Abwertung anderer Personen 

Greifen Personen Themenfelder extremistischer Gruppierungen auf und argumentieren im Sinne der jeweiligen Ideologie? Besuchen, posten und/oder liken sie Internetseiten und/oder Videos extremistischer Gruppierungen? Nehmen sie an Demonstrationen und/oder weiteren Aktionen extremistischer Gruppierungen teil?   
 

Ihnen sollte bewusst sein, dass es zwar einige Anzeichen gibt, letztendlich jedoch immer der jeweilige Einzelfall betrachtet werden muss! 


Hilfreich für die Bewertung der unterschiedlichen Situationen sind Hintergrundinformationen zu extremistischen Ideologien sowie möglichen Motiven. Es gibt in der Literatur und Beratungsarbeit eine Reihe von Fallbeispielen, die Ihnen möglicherweise helfen, einen Eindruck von der Thematik zu erhalten. Es existieren ebenfalls Fallbeispiele von Deradikalisierungsprozessen, die Anknüpfungspunkte für ein Umlenken hervorheben. 

Beratungsstellen und Ansprechpersonen

Als Ehrenamtliche*r werden Sie mit unterschiedlichen Situationen konfrontiert. Neben einer rein pädagogischen beziehungsweise fachlichen Herausforderung, können ein bestimmtes Verhalten oder die Äußerungen Ihres Gesprächspartners als Eingriffe in die Rechte anderer Personen, als wirkliche Anzeichen einer Radikalisierung oder sogar als Straftat bewertet werden.   

Im schulischen Kontext oder im Rahmen von vhs-Kursen kann eine Situation außerdem als Störung des Schulfriedens oder der Atmosphäre im Kurs wahrgenommen werden.   

Wir haben in Lektion 3Wie reagieren auf menschenfeindliche Handlungen? – Umgang mit Stammtischparolen und Anfeindungen im Ehrenamt verschiedene Empfehlungen zusammengestellt. Auch das Kartenset „The Kids are Alright“ von ufuq.de bietet Vorschläge zum Umgang mit kontroversen Positionen im Kontext von Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. 

Egal zu welcher persönlichen Bewertung Sie kommen, Sie können sich immer mit Fachkräften von Beratungsstellen austauschen. Dieses hilft eigene Perspektiven zu reflektieren und gemeinsam mögliche Reaktionen zu erarbeiten. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt auf ihrer Homepage eine bundesweite Datenbank zur Verfügung, in der Sie 80 Anlaufstellen zu verschiedenen Themenbereichen finden.   

Präventions- und Deradikalisierungsarbeit

Durch die sogenannte primäre Präventionsarbeit sollen Personen frühzeitig in ihrem Selbstbewusstsein, ihren Handlungskompetenzen und somit ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Ziel ist die Förderung der Widerstandskraft gegenüber der Ansprache extremistischer Gruppen, um ein Abdriften der Personen zu verhindern.   
Im Bereich der sekundären Präventionsarbeit werden Personengruppen gestärkt, denen aufgrund bestimmter Faktoren eine besondere Risikoanfälligkeit zugeschrieben werden. Die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereits durch radikale Äußerungen auffällig geworden sind, ist dem Bereich der sekundären Präventionsarbeit zuzuordnen.   
Maßnahmen der Deradikalisierung (auch tertiäre Prävention) richten sich an Personen, die bereits extremistische Einstellungen und Verhaltensweisen aufweisen.   

Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Motiven und Hintergrundkonstellation können wir nicht von dem einen typischen Radikalisierungsprozess ausgehen. Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Motiven und einzelnen Phasen des Prozesses sind möglich. Darüber hinaus gibt es während des gesamten Prozesses zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Deradikalisierung, also eine Umkehr der betroffenen Person. Wenden Sie sich im Zweifel lieber frühzeitig an eine Beratungsstelle. 

Weiterführendes Material

Es existieren zahlreiche Publikationen, in denen Hintergrundinformationen zu den Motiven einer Radikalisierung sowie Hinweise zum Umgang mit extremistischen Einstellungen und Verhaltensweisen erläutert werden. 

Gerne verweisen wir auf die Broschüre „Radikalisierungsprävention im Bildungsangebot der Volkshochschulen“ des Projekts „Prävention und Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, die Hintergrundinformationen und Anknüpfungspunkte im vhs-Kontext erläutert. 

Ebenfalls empfehlenswert ist die Handreichung zum Kurskonzept „Was bedeutet RADIKAL?!? – Thematisierung von Radikalisierungsmotiven“. Hier finden Sie eine Auflistung möglicher Arbeits- und Videomaterialien für die Praxis.   

Mit Hilfe des Moderationsspiels STOP-OK des Trägers Gesicht Zeigen! können anhand biographischer Schilderungen beispielhafte Radikalisierungsverläufe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hin zum Islamismus erarbeitet und besprochen werden.   

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Radikalisierungsprozessen von Personen aus Ihrem Umfeld gemacht? Wie haben Sie gehandelt? Konnten Ihnen Beratungsstellen und/oder andere Ansprechpersonen (zum Beispiel Sozialarbeiter*innen) helfen, Reaktionen zu erarbeiten und/oder umzusetzen? 

Autorenbild

Adriane Schmeil hat in ihrer Masterarbeit zum Thema "Prävention und Deradikalisierung im Kontext des Islamismus" die Arbeit des Programms Wegweiser in NRW anhand qualitativer Befragungen der Berater*innen analysiert. Derzeit arbeitet sie als Referentin im Projekt "Prävention und Gesellschaftlicher Zusammenhalt" (PGZ) des Deutschen Volkshochschul-Verbands. 

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