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Wie soll ich meinen Nachbar ansprechen?

Hallo Community,

durch Zufall bin ich auf dieses Portal gestoßen, als ich mich eigentlich ganz allgemein über das Thema „Nicht Lesen können“ informieren wollte. Ich habe einen neuen Nachbarn, also eigentlich schon seit fast einem Jahr. Mehrfach hatte ich jetzt schon seltsame Situationen, in denen ich mich gewundert habe, warum er mich um Hilfe bittet. Ich sollte ihm im Sommer zum Beispiel helfen, ein Formular auszufüllen, mit der Begründung, er hätte seine Brille beim letzten Besuch bei seiner Mutter liegen lassen und muss das aber jetzt ganz schnell ausfüllen. Das habe ich natürlich gerne gemacht. Dann habe ich ihn aber letztens auch an der Bushaltestelle getroffen und er sagte, dass er ins Zentrum wollte, um irgendwas zu besorgen. Dann stieg er aber in einen ganz falschen Bus ein. Ähnliche Situationen hatten wir jetzt noch. Als ich mit einem Freund darüber sprach, kam er auf die Idee, dass mein Nachbar vielleicht nicht lesen kann. Ich dachte, das gibt es gar nicht als Erwachsener, aber hier im Portal steht ja auch, dass es das gibt. was soll ich denn jetzt machen? Habt ihr vielleicht Tipps für mich? Soll ich überhautp was machen? Ich würde ja gerne helfen.
Vielen Dank schon mal.
TJ

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Lieber Tomas Jokic, wahrscheinlich hat ihr Nachbar LRS Probleme. Schauen Sie doch mal diese Seite an. Ich finde die Tipps gut.
https://www.mein-schlüssel-zur-welt.de/de/helfen/ansprechen/ansprechen_node.html;jsessionid=31924B2947413C74217C32F48760D501.live381

Gruß Almut Schladebach
www.alpha-fundsachen.de

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Hallo Thomas,
schön, dass Ihnen diese Situationen auffallen, Sie zum Nachdenken anregen und Sie überlegen, aktiv zu werden. Dass es nicht sicher ist, worin genau die Schwierigkeit liegt, macht das Ansprechen nicht leichter.
Die Tipps, die Almut geschickt hat, sind ein guter Ratgeber.
Einer der wichtigsten Aspekte ist unter anderem die Offenheit gegenüber Ihrem Nachbarn, d.h. egal, wie er sich verhält - ob er ausweicht oder sich dem Thema widmen möchte, an Ihrer Haltung ihm gegenüber wird das nichts ändern. Sie bleiben der Nachbar, den er um Hilfe bitten kann. Das schafft weiterhin Vertrauen.
Es ist in unserer Gesellschaft unproblematisch, mit einer „Mathe-Schwäche“ zu kokettieren, aber bei Problemen mit dem Lesen und Schreiben sieht das ganz anderes aus. Deutlich machen, dass es ein Thema ist, das ca. 6,2 Mio. Menschen begrifft, kann helfen. Es sind viele und er ist nicht allein. Die Ursachen dafür sind verschieden. Eines ist aber sicher: Niemand sollte sich dafür schämen und denken, selbst schuld daran zu sein.
Ich wünsche Ihnen viel Glück und hoffe, das sich etwas ergibt.
Viele Grüße
Verena

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Hallo Tomas,
ich schließe mich Verena und Almut an. Es ist sehr gut, dass Sie so aufmerksam sind und Ihrem Nachbarn helfen wollen. Das ist der richtige Weg, bestenfalls in einer vertrauten Umgebung, vielleicht, wenn Sie ihn das nächste Mal in seiner Wohnung besuchen. Hier können Sie das Thema sensibel aber dennoch offen und subjektiv ansprechen. Als Überleitung eignet sich die Bezugnahme zur konkreten Situation (Brille vergessen). Auch wenn es keine sofortige Lösung gibt (auch in Hinblick auf die aktuelle Lage), hilft doch der Austausch und Ihr Nachbar geht den nächsten Schritt (wie z.B. das vhs.lernportal.de , alfa-telefon.de). Das Ausfüllen von Formularen wird immer notwendiger, leider nicht immer einfacher. Daher ist Unterstützung von großem Wert.
Besinnliche Feiertag und weiterhin viel Erfolg
Sonja

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Guten Abend! :grinning:
Vielen vielen Dank für die hilfreichen Antworten. :clap:
Habe gar nicht damit gerechnet, dass ich so schnell Antworten bekomme. Ich habe mir Ihre Tipps angeschaut und bin ganz erstaunt, dass es zu dem Thema so tolle Angebote gibt. Das beruhigt mich etwas, weil so kann ich meinem Nachbarn vielleicht sogar eine Lösung aufzeigen und ihn direkt auf ein Angebot hinweisen. Ich habe mir aber fest vorgenommen, nach den Weihnachtstagen mich zuerst selber noch etwas einzulesen und mir auch einmal dieses Lernportal anzuschauen. Vielleicht ist das ja auch was für meinen Nachbarn? Aber erst einmal muss ich herausfinden, ob meine Vermutung überhaupt stimmt.
@SonjaKaiser Sie haben natürlich recht, ich sollte mir einen guten Moment auswählen. Hoffentlich traue ich mich dann auch ihn darauf anzusprechen. Ein wenig Sorge habe ich, dass er dann sauer auf mich sein wird oder sagt, ich soll mich nicht einmischen. Man weiß ja nie. Aber dass soviele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, hätte ich nie vermutet. 6,2 Mio sind ja ganz schön viele. Sind das denn vor allem Flüchtlinge, @VerenaAdebahr?
Vielen Dank auch AlmutSchladebach, Ihre Tipps schaue ich mir auch noch in Ruhe an. Toll, dass es sogar schon Tipps zum Ansprechen gibt. Scheinbar bin ich nicht der Einzige, der nicht weiß, ob er was sagen soll oder nicht. Irgendwie fühlt sich das auch so an, als ob man jemanden ertappt hat. Eigentlich doch eine sehr unangenehme Situation. Lesen ist doch so selbstverständlich.
Aber ich möchte ihm auf jeden Fall helfen.
Vielen Dank und Ihnen allen frohe Weihnachten!
Tomas

Hallo allerseits,

ich habe gerade dieses Thema hier durchgelesen und bin an der Überlegung hängen geblieben, ob man sich einmischen soll und dass es sich anfühlt, wie jemanden zu ertappen. Ich kann das total gut nachempfinden. Ich wüsste auch gar nicht so richtig, ob ich mich trauen würde, jemanden anzusprechen. Mir ist das bislang noch nicht passiert, dass es jemanden aus dem privaten Umfeld betroffen hat.
Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre Ihr Nachbar, @TomasJokic, kann ich mir zwei Möglichkeiten vorstellen. 1. Ich würde mich wirklich ertappt fühlen und erstmal alles abstreiten. Das ist ja bislang auch meine Strategie gewesen und vielleicht habe ich auch resigniert und glaube eh nicht, dass ich in meinem Alter noch Lesen und Schreiben lerne. Aber vielleicht und das wäre 2. wäre ich nach kurzem Geschocktsein auch froh, mein Geheimnis endlich mit jemandem wie Ihnen teilen zu können, der mir sogar helfen möchte. Und wenn Sie dann noch eine Möglichkeit haben, was ich denn nun tun kann, damit ich nicht nur bloß gestellt bin. Dann wäre das vielleicht ein riesiger Schritt??? Ich finde, dass wäre es absolut wert, es zu versuchen.

Gibt es bei Ihnen in der Stadt vielleicht eine Volkshochschule mit einer Abteilung für Alphabetisierung und Grundbildung? Oder ein Grundbildungszentrum? Versuchen Sie das doch mal herauszufinden. Je besser Sie vorbereitet sind, desto besser für das Gespräch, denke ich. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Toll, dass Sie sich soviele Gedanken machen und unterstützen möchten.
LG, Lisa

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Hallo zusammen,

ich habe gerade die Beiträge hier gelesen und bin erstaunt, wie gut du die Schwierigkeiten deines Nachbarn wahrgenommen hast. Ich wäre selbst vermutlich nie darauf gekommen, dass die Person vielleicht nicht richtig lesen kann. Jeder ist doch schonmal in eine falsche Buslinie eingestiegen oder hat sich verfahren…

Im letzten Jahr ist mir etwas Ähnliches passiert, als ein Bekannter aus dem Fitnessstudio mich mehrmals darum bat, ihm einen Impftermin zu reservieren. Er selbst komme grad aus Zeitgründen einfach nicht dazu. Ich habe mir nichts dabei gedacht und ihm den gewünschten Termin online reserviert. Alles hat reibungslos funktioniert. Hätte ich hier vielleicht genauer nachfragen sollen, wo das Problem liegt? Einen Impftermin kann man doch schließlich auch telefonisch beim Hausarzt ausmachen. Ich tue mich mit solchen Fragen allerdings schwer, da Schwierigkeiten und Probleme ja immer auch ein sehr persönliches Thema sind. Vielleicht gab es ja auch andere familiäre oder technische Gründe für seinen Reservierungswunsch wie ein kaputtes Handy … Ich werde mal wie du die Augen aufhalten, ob mir noch einmal so etwas auffällt @TomasJokic

Hattest du mittlerweile denn schon wieder Kontakt zu deinem Nachbarn?

Viele Grüße
Daniel

Hallo Tomas,
vielleicht hat sich in der Zwischenzeit etwas getan und Sie sind in einer neuen Situation mit Ihrem Nachbarn. Nur noch mal ein Nachtrag zu Ihrer Frage nach den Menschen und deren Lebensumstände: https://leo.blogs.uni-hamburg.de/ - dies ist der link zur leo-Studie der Uni Hamburg. Dort gibt es viele Zahlen und Fakten, die Sie teilweise überraschen werden. Ein Teil der Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten sind in Deutschland geboren und habe die Schule für viele Jahre besucht. Erwerbstätigkeit ist nicht selten. Sehen Sie doch mal nach, wenn es Sie interessiert.
Sollten Sie noch weitere Informationen benötigen, gibt es hier im Ehrenamtspotal auch Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Im Bereich „Wissen-Schulungen“ gibt es Angebot.
Schulungen
Viel Spaß beim Lesen und beste Grüße
Verena

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Hallo an alle,

ich schulde Euch ja noch eine Rückmeldung. Es hat mich sehr gefreut, wie viele tolle Tipps ich hier erhalten habe. Es hat etwas gedauert, bis der richtige Moment gekommen ist. Aber ich habe Ende Februar meinen Nachbarn tatsächlich auf meine Vermutung angesprochen. Er hatte mich mal wieder um Unterstützung bei einem Brief gebeten und dann habe ich Mut gefasst. Erst war er ganz abweisend und sagte, er kann sich auch woanders Hilfe suchen. Aber als er merkte, dass ich es gar nicht abwertend meinte und ihm helfen möchte, war er plötzlich ganz froh, dass es endlich raus ist. Tatsächlich haben wir einen Termin bei einer Bildungsberatung bei der Volkshochschule gemacht. Er wusste gar nicht, dass es für Erwachsene auch noch Lesen-Lern-Kurse gibt. Und dass er da mit anderen Erwachsenen sitzt und nicht mit Kindern. Als ich ihm das gesagt habe, war er richtig erstaunt. Aber gleichzeitig schien ihm auf einmal eine große Last und Zurückhaltung abzufallen.
Wir gehen nächste Woche zur Bildungsberatung. Ich habe ihm angeboten mitzugehen. Er ist jetzt richtig motiviert. Hoffentlich bleibt das so.

Viele Grüße
Tomas