Wie bin ich selbst kulturell geprägt?

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Der erste Schritt zu einem guten Verständnis von Geflüchteten ist, sich seiner eigenen kulturellen Brille bewusst zu werden. Wie bin ich kulturell geprägt und wie beeinflusst das mein Verhalten? Wie leben, fühlen und handeln andere Menschen? In dieser Lektion bekommen Sie Tipps, wie man Geflüchteten unsere kulturellen Gepflogenheiten nahe bringt, sowie Einblicke, wie Geflüchtete Deutschland wahrnehmen.

Welche Einstellungen sind nicht kulturell geprägt?

„‘Kultur‘ versteckt mehr, als sie zeigt. Und das, was sie versteckt, versteckt sie seltsamerweise am besten vor ihren eigenen Mitgliedern. Jahre des Studiums haben mich überzeugt, dass die eigentliche Aufgabe nicht darin besteht, fremde Kulturen, sondern die eigene zu verstehen.“ - Edward T. Hall, US-amerikanischer Anthropologe und Ethnologe.

Der erste Schritt hin zu einem besseren Verständnis anderer Kulturen ist, sich seiner eigenen kulturellen Brille bewusst zu werden und zu wissen, dass wir auch durch eine kulturelle Brille betrachtet werden. Interkulturelles Lernen zielt somit nicht nur auf die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, sondern immer auch auf die Frage ab: Wie bin ich eigentlich kulturell geprägt? Wo kommen meine Haltungen und mein Werteverständnis her und wie beeinflussen sie mein Verhalten? Erst wenn man sich selbst in der eigenen Kultur verortet hat, kann man im Gegensatz dazu verstehen, wie und warum andere Menschen anders leben, denken, fühlen und handeln. 

Welchen Gruppen fühlen Sie sich zugehörig?  

Haben Sie dabei vielleicht Ihre Kirchengruppe, Ihren Sport- oder Musikverein, Ihre Arbeit als SozialpädagogIn oder Ihren Freundeskreis im Kopf? Was haben Ihre kulturelle Prägung und Ihr Werteverständnis mit Ihrem Engagement für Geflüchtete zu tun?  

Wie tickst du?

„Und das Ende allen Erkundens wird sein, dass wir ankommen, wo wir aufbrachen. Und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“ (T.S. Eliot, Lyriker)   

Wir alle sind beeinflusst durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen kulturellen Gruppen. Ein Faktor, der uns dabei prägt, ist unsere nationale Zugehörigkeit. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von „typisch deutsch“ sprechen? Gibt es das überhaupt?  „Deutschland ist ein Land mit vielen Kulturen und Subkulturen. Hier gibt es verschiedene Alterskulturen, Religionskulturen, Freizeitkulturen, Berufskulturen, Genderkulturen, soziale Milieus, politische Kulturen, regionale Kulturen etc. Viele dieser Kulturen gehen auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. All diese …[Subkulturen beeinflussen]...ihrerseits die nationale Kultur, bereichern sie mit Worten, Ideen und Werten und werden ihrerseits wiederum stark von der nationalen Kultur, der deutschen Sprache, den nationalen …[Debatten] etc. geprägt.“ (aus:  http://kulturshaker.de/deutschland-transkulturell/)   

In der Studie „Deutschland postmigrantisch I – Gesellschaft, Religion, Identität“ wurden unter den Befragten folgende Eigenschaften als typisch deutsch angegeben. Erkennen Sie sich in diesen Eigenschaften wieder?  

Welche Eigenschaft beschreibt für Sie am besten dieses Land? (Copyright: Ausschnitt aus der Studie „Deutschland postmigrantisch“, Seite 22)

Diese Stereotype sind uns allen vertraut, da sie eine Rolle im öffentlichen Leben und im gesellschaftlichen Blick auf „die Deutschen“ spielen. So wird erwartet, dass der Bus auf die Minute genau kommt, dass man sich an die Agenda in Besprechungen hält, dass man sich auf das Wort anderer verlassen kann und Überstunden auf der Arbeit werden als Zeichen der Motivation und Leistungsbereitschaft gern gesehen. Wie jeder einzelne Mensch auf diese Werte und Gewohnheiten, die unser öffentliches Leben beeinflussen, reagiert und mit ihnen umgeht, ist aber sehr unterschiedlich.  

Unsere Gesellschaft ist in stetigem Wandel und somit ist auch unser Blick auf „die Deutschen“ veränderbar und verhandelbar: „Jahrelang waren die Deutschen…stolz auf ihren Fleiß, ihre Pünktlichkeit, auf Genauigkeit und Sparsamkeit. Dann…entstand eine neue Erzählung: Der weltoffene, genussfreudige Deutsche war geboren, der Fünfe auch mal gerade sein lässt…Deutschland braucht ein[e] neue... [Erzählung],…[die] ausgeht von den neuen Fakten.” (Naika Fourutan, Sozialwissenschaftlerin)

Mehr dazu, wie Sie mit Stereotypen und Vorurteilen umgehen können, finden Sie in Wie nehme ich Geflüchtete wahr? Über den Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen.

So vielfältig sind wir

Wir alle kennen gängige Stereotype und Vorurteile zu den Deutschen. Auch Geflüchtete kommen mit Bildern von „den Deutschen“ im Kopf. Sie als Ehrenamtliche sind häufig die ersten Kontakte für Geflüchtete und werden als „RepräsentantInnen“ für die Menschen in Deutschland gesehen. Es kann auch Ihre Aufgabe sein, Geflüchteten zu zeigen, wie vielfältig Deutschland ist und gängige Stereotype und Vorurteile über „die Deutschen“ zu widerlegen.  

Anders als oft wahrgenommen, ist Deutschland ein traditionelles Einwanderungsland. Im Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland hat es schon immer Migration gegeben. Laut dem Forschungsbericht von Karakayali/Kleist haben 22,5 % der Deutschen einen Migrationshintergrund  - der Anteil an Ehrenamtlichen mit Migrationshintergrund in der Flüchtlingsarbeit ist mit 24 % sogar noch etwas höher - und ein Drittel der Bevölkerung hat jemanden mit Migrationshintergrund in der Verwandtschaft (aus Studie “Deutschland postmigranitsch I - Gesellschaft, Religion, Identität”). Es ist also längst eine gesellschaftliche Realität, dass wir eine Migrations-Republik sind – und das nicht erst seit 2015. 

„Die deutsche Gesellschaft hat sich durch die Migration stark verändert. Immer mehr Menschen nehmen für sich in Anspruch, als Bürger dieses Landes diesen Wandel mitzugestalten, auch wenn ihre Vorfahren nicht deutsch waren und sie selbst vielleicht nicht so aussehen, wie man sich früher Deutsche vorstellte. Das heißt auch, dass über den Markenkern „Deutschland“ neu verhandelt wird.“ (Naika Fourutan, Sozialwissenschaftlerin)     

Wie sehen Geflüchtete Deutschland?

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Wenn Geflüchtete nach Deutschland kommen, nehmen Sie ganz unterschiedliche Dinge als neu, fremd, bemerkenswert oder spannend wahr. Im Artikel „Flüchtlinge zeigen, was sie mit Deutschland verbinden” finden Sie weitere Dinge, die Geflüchtete mit Deutschland verbinden: Ob Mülleimer für Plastik, ältere Leute auf dem Fahrrad, stabile Häuser, pünktliche Busse oder Kerzen zum Anzünden in der Kirche - was Geflüchteten auffällt, sagt auch immer etwas über ihre eigenen Erfahrungen und Prägungen in ihrem Herkunftsland aus. 

Was sehen Geflüchtete in Deutschland als Zufluchtsort? Geflüchtete identifizieren sich einer Studie zufolge stark mit Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit und Familienwerten. Vor dem Hintergrund der negativen Er­fahrungen mit Krieg und Terror sowie mit ethnischer und religiöser Verfolgung in ihren Heimatländern schätzen sie an Deutschland den respektvollen Umgang der Menschen untereinander und die Achtung von Menschenrechten. Sie würdigen das gemeinschafts­orientierte Verhalten der deutschen Bevölkerung, die demokratischen Verhältnisse mit klaren allgemein­gültigen Regeln und einer funktionierenden Bürokra­tie und wünschen sich das auch für ihr Herkunftsland. Es sind allerdings auch Unterschiede im Werteverständ­nis erkennbar, etwa bei den Geschlechterrollen.         

Wie kann ich Geflüchteten die kulturellen Gepflogenheiten Deutschlands näher bringen?

Für Geflüchtete stellen sich viele Fragen rund um Alltagssituationen: Wie (be-)grüße ich andere Leute? Warum muss ich pünktlich sein? Wie gehe ich mit offen geäußerter Kritik um? Was ist das Abendbrot? Kann ich bei Leuten einfach spontan und unangemeldet vorbeischauen? Geben Sie Hilfestellungen bei großen und kleinen Fragen und verweisen Sie auf Hilfestellungen und Materialien. · 


Den Perspektivwechsel haben wir für Sie in „Andere Kulturen - Was haben wir gemeinsam? Was unterscheidet uns? vorbereitet. In dieser Lektion bekommen Sie einen Einblick in kulturelle Gewohnheiten der arabischen Welt.

Weiterführendes Material

YouTube-Kanal „German Life Style GLS“ der syrischen Geflüchteten Allaa und Abdul. 

Podcasts zu „Was ist typisch deutsch?“ AuslandskorrespondentInnen berichten über ihren Blick auf deutsche Mülltrennung, Emanzipation, Zuverlässigkeit, Nachbarn, Ämter.  

Auf der Seite „Mediendienst Integration“ finden Sie wesentliche Infos zu den Themenfeldern Migration, Intagration und Asyl.   

Autorenbild

Meike Woller, Diplom-Sozialwirtin, ist Trainerin für Interkulturelle Kompetenz und Globales Lernen. Sie hat verschiedene Projekte zum Thema „Integration“ geleitet und führt interkulturelle Fortbildungen für Menschen durch, die mit Geflüchteten zusammenarbeiten. 

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