Irak

Der Irak ist bereits seit rund vier Jahrzehnten ein zuverlässiger Lieferant von Katastrophenmeldungen. So lange kommen Iraker und Irakerinnen auch schon als Geflüchtete nach Deutschland. Kriege, Vernichtungsfeldzüge und Unterdrückung haben Generationen im Irak geprägt, zuletzt waren es die blutigen Ereignisse rund um oder den „Islamischen Staat“. Es gibt allerdings Hoffnung auf eine grundlegende Verbesserung der Situation im Land.

Quiz „Vier Fakten und eine Lüge“ – Irak

Was wissen Sie bereits über den Irak? Welche der folgenden Aussagen ist falsch? Wählen Sie aus.

Geflüchtete aus dem Irak

Anzahl der Asylanträge, die 2017 in Deutschland gestellt wurden:
23.605 (Stand Dezember 2017, Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)
Hauptaufnahmeländer:
Unter anderem Türkei, Libanon, Jordanien, Deutschland (Quelle: USA for UNHCR)
Anzahl der Binnenvertriebenen:
circa 2,5 Millionen (Stand Januar 2018, Quelle: UNHCR – The UN Refugee Agency)
Wird der Irak als sicheres Herkunftsland eingestuft?
Der Irak wird derzeit (Stand Mai 2018) von Deutschland nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft. 

Der Irak: Jahrzehnte voller Gewalt

Die jüngere Geschichte des Irak kann man als eine einzige Abfolge von ungeheuren Gewalterfahrungen schildern. Damit steht das Land in einer Weltregion, in der Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung eher zur Regel als zur Ausnahme gehören, noch einmal einzig da. Diese über Jahrzehnte anhaltende Gewalterfahrung hat viele Iraker und Irakerinnen geprägt.  

Nach mehr als einem Jahrzehnt unter einer UN-Handelsblockade war 2003 bei Beginn des dritten Golfkrieges, der zum Sturz Saddam Husseins führen sollte, die Infrastruktur des Irak längst schwer geschädigt. Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von einem innerirakischen Bürgerkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Extremisten.   

 Was unterscheidet Sunniten und Schiiten?
Die Unterscheidung zwischen Sunniten und Schiiten geht auf einen Konflikt in der Frühzeit des Islams über die Nachfolgeregelung des Propheten zurück. Die Mehrzahl aller Muslime weltweit ist sunnitisch. Schiitisch dominiert ist vor allem der Iran. Im Irak stellen Schiiten ebenfalls die Bevölkerungsmehrheit. Die Schiiten haben im Gegensatz zu den Sunniten eine vergleichsweise klar hierarchisch strukturierte religiöse Gelehrtenschicht („Ayatollahs“) und verehren eine Reihe von Imamen, die sie als die eigentlichen Nachfolger Mohammeds ansehen. Es gibt auch eine Reihe von Riten und Bräuchen, die sie klar von den Sunniten trennen. Es gab durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder heftige Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten, wobei oft politische, soziale oder ethnische Unterschiede an der Trennlinie Schiiten-Sunniten festgemacht wurden.

Nach einer Phase der Beruhigung kam es ab dem Jahr 2011 mit dem beschleunigten Abzug der Amerikaner zu einer erneuten Eskalation. Die Zentralregierung in Bagdad, die von Schiiten dominiert und vom benachbarten schiitischen Iran maßgeblich beeinflusst wurde, band die Sunniten nicht in die Regierung mit ein. Eine Folge davon war der Siegeszug des „Islamischen Staates“ (IS) ab dem Sommer 2015 in den sunnitischen Gebieten. Die Islamisten konnten erst kurz vor Bagdad gestoppt werden. Diese Kämpfer des IS, in deren Reihen sich viele ehemalige Offiziere Saddam Husseins befanden, setzten die Tradition der Vernichtungspolitik im Irak fort: Sie griffen die kleine religiöse Gruppe der Yesiden an, wobei sie viele Männer töteten und viele Frauen versklavten. Der militärische Erfolg des IS ab 2015 stand außerdem in engem Zusammenhang mit der Eskalation des Krieges in Syrien. Dort konnte der IS ebenfalls weite Gebiete erobern und kontrollieren. Im Jahr 2017 endete mit der extrem blutigen Rückeroberung der nordirakischen Millionenstadt Mosul, die als zeitweilige Hauptstadt des IS gedient hatte, die Kontrolle der IS-Kämpfer über größere irakische Territorien.

Diese anhaltenden Konflikte und Gewalterfahrungen bewirken, dass Irakerinnen und Iraker seit Jahrzehnten ihr Land verlassen. Unser Experte Dr. Oliver M. Piecha erzählt uns mehr über die verschiedenen Fluchtgenerationen, die sich dadurch gebildet haben: 

Wie prägen die Konflikte das Leben der Irakerinnen und Iraker?

Nicht überall im Land beeinflussen die jahrzehntelangen Konflikte das Leben der Menschen auf gleiche Weise. Unser Experte Dr. Oliver M. Piecha berichtet, inwiefern sich die Lebensbedingungen der Irakerinnen und Iraker unterscheiden: 

Bleibt der Irak ein Staat?

Eine offene Frage schien sich nach dem Siegeszug der Kämpfer des IS 2015 geradezu aufzudrängen: Hatte der Irak in seiner bisherigen Form als Nationalstaat überhaupt noch eine Zukunft? Während die sunnitischen Gebiete unter die dauerhafte Kontrolle der IS-Kämpfer gerieten, schien sich die irakische Armee aufzulösen und die Zentralregierung die Kontrolle zu verlieren. Unter iranischer Einflussnahme wurde damals ein schwerbewaffnetes System an Milizen parallel zur Armee geschaffen. Die Zukunft dieser hauptsächlich schiitischen Milizen, die besonders für ihre gravierenden Menschenrechtsverstöße bekannt wurden, ist ungeklärt und stellt eine schwere Bürde für die Zukunft des Landes dar. Nachdem es gelungen war, eine in weiten Teilen des Irak akzeptierte neue Regierung zu bilden, konnte der IS in schweren Kämpfen langsam zurückgedrängt werden. 

Kurdische Flüchtlinge im Irak © Levi Clancy, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Die staatliche Zukunft des Irak schien dann erneut 2017 infrage zu stehen, als in den kurdischen Gebieten des Nordirak in einer Volksabstimmung eine klare Mehrheit für eine mögliche Unabhängigkeit stimmte. Das kurdische Gebiet im Nordirak hat seit dem Jahr 1991 – damals mussten sich Saddam Husseins Truppen zurückziehen, weil über dem Nordirak eine Flugverbotszone eingerichtet wurde – eine Sonderentwicklung durchgemacht. Das Gebiet mit den beiden Großstädten Suleimania und Erbil hat zudem seit dem Jahr 2000 einen regelrechten Wirtschaftsboom hinter sich. Ein Großteil der recht jungen Bevölkerung kennt die Diktatur Saddam Husseins nur noch aus Geschichtsbüchern und hat die chaotische Kriegssituation in weiten Gebieten des Irak ab dem Jahr 2003 praktisch nur von ferne miterlebt. 

Allerdings ist das kurdische Gebiet politisch und kulturell zweigeteilt, und das Abstimmungsergebnis für eine Unabhängigkeit war eher theoretisch zu verstehen. Es gibt keine tragfähige politische Einheit unter den irakischen Kurden. In der Folge hat die Volksabstimmung auch eher zu einer Stärkung des irakischen Staates geführt, in der mehrheitlich kurdischen Ölmetropole Kirkuk sind jetzt wieder irakische Soldaten präsent. Auch in der Öffentlichkeit scheint die Idee eines spezifisch „irakischen“ Nationalismus´ wieder an Aufwind zu gewinnen. Die weitere Entwicklung wird allerdings davon abhängen, inwieweit die Lage weiter normalisiert werden kann und ein „neuer“ Irak den Menschen gemeinsame Perspektiven bietet.  

Welche Bedeutung hat die religiöse Zugehörigkeit?

Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft spielt im Irak eine besondere Rolle. Ob man zum Beispiel Schiit oder Sunnit ist, kann erheblichen Auswirkungen auf die eigene Lebensperspektive haben. Warum das so ist, erklärt unser Experte Dr. Oliver M. Piecha in diesem Video:   


Im Gespräch mit Sham Jaff und Imad Ali Sawi – Zwei unterschiedliche Leben im Irak

Für den Irak haben wir zwei Menschen interviewt, da sich die einzelnen Regionen und gesellschaftlichen Gruppen innerhalb des Landes doch sehr stark unterscheiden. Im ersten Interview gibt uns Imad Ali Sawi spannende und ganz persönliche Einblicke in sein Herkunftsland. Wir erfahren etwas über das Zusammenleben verschiedener Religionen und Minderheiten sowie über das Leben mit Krieg und Gewalt im Irak. Sham Jaff berichtet hingegen über das Leben in der autonomen Region Kurdistan (Irak). Wir erfahren aber auch etwas über das Leben als Kurdin in Deutschland und über ihre Wünsche für die Zukunft. Eine persönliche Botschaft für Ehrenamtliche und Newcomer haben beide für uns. Schauen Sie rein!

Sie haben nun den Irak anhand von vier „Schlaglichtern“ ein wenig kennengelernt. Was können Sie als Hintergrundinformationen für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit mitnehmen?
► Die Geschichte des Irak ist von Jahrzehnten der Gewalt und der Konflikte geprägt. Das hat unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben der Irakerinnen und Iraker und führt zum Teil dazu, dass seit vielen Jahren Menschen das Land verlassen.
► Es ist unklar, wie die Zukunft des Irak aussehen wird: ob die Lage sich unter einer neuen Zentralregierung stabilisiert, oder ob das Land zerfällt.
► Die religiöse Zugehörigkeit spielt für Irakerinnen und Iraker eine große Rolle. Ob man zum Beispiel Schiit oder Sunnit ist, kann im Irak erheblichen Auswirkungen auf die eigene Lebensperspektive haben. 

Weiterführendes Material

Das Länderinformationsportal der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) bietet umfassende politische, wirtschaftliche und auch kulturelle Informationen zum Irak. 

Ein Blick in den Länderbericht über den Irak von Amnesty International verdeutlicht das Ausmaß des Gewaltpegels. 

Ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung liefert Informationen über innerstaatliche Konflikte im Irak.   

Als Literatur sei Ihnen das Buch „Die Orangen des Präsidenten“ von Abbas Khider empfohlen (erschienen 2011 bei Edition Nautilus, Hamburg). Auch die Publikation „Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt“ von Najem Wali ist sehr lesenswert (erschienen 2015 im Hanser Verlag, München).  

Wie sind Ihre Erfahrungen?
Sprechen Sie mit Geflüchteten oder Bekannten, die aus dem Irak stammen, über deren persönliche Erfahrungen. Welche Rolle hat die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft in ihrem Leben gespielt? Wie nehmen sie die Bedeutung von religiöser Zugehörigkeit in Deutschland war? Schreiben Sie Ihre Antwort in die Kommentare!


Autorenbild

Dr. Oliver M. Piecha ist Historiker, er hat zahlreiche Workshops über Interkulturelle Kompetenz mit dem Schwerpunkt Naher Osten durchgeführt und war immer wieder in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, zuletzt in einem Projekt über weibliche Genitalverstümmelung in Asien und dem Nahen Osten.

Foto: © Joachim Sobek 

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