Iran

Politik und öffentliches Leben in der Islamischen Republik Iran sind vordergründig vom schiitischen Islam geprägt. Als nicht-arabisches Land unterscheidet sich der Iran zudem in Kultur und Sprache stark von seinen arabischen Nachbarn. Eine große Rolle spielt traditionell die Familie. Während das Leben auf dem Land häufig von Dürre und Wassermangel beeinflusst wird, kämpfen die Menschen in der Stadt mit den Folgen der Luftverschmutzung.

Quiz „Vier Fakten und eine Lüge“ – Iran

Was wissen Sie bereits über den Iran? Welche der folgenden Aussagen ist falsch? Wählen Sie aus.

Geflüchtete/Asylbewerber*innen aus dem Iran

Anzahl der Asylanträge, die im Jahr 2018 in der Bundesrepublik gestellt wurden:
10.857 (Stand November 2019, Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)     
Hauptaufnahmeländer:
Hierzu sind aktuell keine genauen Angaben möglich.     
Anzahl der Binnenvertriebenen:
Da im Iran kein innerstaatlicher Konflikt herrscht, gibt es auch keine Kriegsflüchtlinge oder Binnenvertriebenen im Sinn der Definition des UNHCR. Geflüchtete Iranerinnen und Iraner stellen ihren Asylantrag meist unter Verweis auf politische Gründe.
Wird Iran als sicheres Herkunftsland eingestuft?
Der Iran wird derzeit von der Bundesrepublik Deutschland nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft (Stand Juni 2018).     

Wie beeinflussen Religion und religiöse Führer die Politik und das gesellschaftliche Leben im Iran?

Wie und von wem Politik gemacht und gesellschaftliche Normen festgelegt werden, unterscheidet sich im Iran sehr stark von den Verhältnissen in Deutschland. Im politischen System Irans vermischen sich religiöse, demokratische und autoritäre Elemente miteinander: Seit der Revolution von 1979 kommt dem schiitischen Islam eine besondere Bedeutung bei der Gestaltung von Politik und sozialen Regeln zu. Wesentliche politische Leitlinien wurden von Ayatollah Khomeini, damals einer der religiösen Anführer der Schiiten im Iran und bis heute Galionsfigur der Revolution, formuliert. Laut seinen Lehren soll ein Rechtsgelehrter als geistiger Führer die Geschicke der Gesellschaft bestimmen. Dieser auf Lebenszeit gewählte Revolutionsführer – seit 1989 ist das Ayatollah Sayyid Ali Khamenei – ist mit großen Machtbefugnissen ausgestattet und kann die allgemeinen politischen Richtlinien bestimmen. Das Parlament mit circa 290 Abgeordneten und der Präsident werden alle vier Jahre direkt vom Volk gewählt. Der Präsident steht der Regierung vor und trifft tagespolitisch relevante Entscheidungen, hat jedoch wesentlich weniger Macht als etwa der französische oder amerikanische Präsident. Bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen findet eine Vorauswahl durch den sogenannten Wächterrat statt. Er prüft, ob die Kandidaten dem System bislang treu dienten und politisch unbescholten sind. Dieses Gremium prüft außerdem, ob Gesetze, die von der Regierung ins Parlament eingebracht wurden, mit dem Islam übereinstimmen. Es hat hier ein Vetorecht. 

Pilgerstätte in Kashan – auch der Revolutionsführer, abgebildet auf dem Foto unter dem Minarett, darf nicht fehlen. © Andreas Wilde

Anders als in Deutschland spielen im Iran also Parteien bei der Gestaltung von Politik und der Ausarbeitung von Gesetzen nur eine untergeordnete Rolle. Dafür üben Religionsgelehrte und Geistliche großen Einfluss aus. Der Staatsapparat regelt und kontrolliert das öffentliche Leben der Iraner*innen in Bezug auf ihr Verhalten in der Öffentlichkeit, ihre Kleidung (Kopfbedeckung für Frauen sowie Kleidung in dezenten Farben) und den Umgang zwischen den Geschlechtern. Während ein Teil der Gesellschaft diese kulturellen Werte durchaus teilt, wird der Staat von vielen Menschen als bevormundende Instanz wahrgenommen. Staatlichen Autoritäten wird in der Regel mit großem Respekt begegnet.   


Wichtig für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit:
Für Ehrenamtliche ist es wichtig, zu wissen, dass für Iraner*innen in ihrem Heimatland zahlreiche Regeln und Gesetze gelten, für deren Einhaltung staatliche Behörden wie die sogenannten Revolutionswächter und die Kontrolleure für islamische Führung sorgen. Das hat dazu geführt, dass sich viele Menschen, insbesondere Angehörige der städtischen Mittelschicht, zwei Persönlichkeiten oder Identitäten zugelegt haben. Die eine achtet auf die Einhaltung der staatlich festgesetzten Regeln außerhalb der eigenen vier Wände, die zweite lebt sich nur im Privaten und hinter verschlossenen Türen aus. Für Iraner*innen, die seit kurzem in Deutschland leben, kann es also entweder gewöhnungsbedürftig oder sehr befreiend sein, dass es hier – auch im öffentlichen Leben – vergleichsweise viel Raum für die persönliche Entfaltung gibt und der Umgang zwischen den Geschlechtern viel lockerer ist. Das kann mitunter aber auch dazu führen, dass insbesondere jüngere Iraner*innen in Deutschland über die Stränge schlagen und ihre Freiheiten in vollem Maße ausnutzen. 

Welche Rolle spielt die Familie im Iran und wie sind die Geschlechterverhältnisse?

Die Familie spielt in der iranischen Gesellschaft eine wichtige Rolle und stellt einen großen Wert an sich dar. In kleinen Städten und auf dem Land leben teilweise noch immer mehrere Generationen unter einem Dach. Wenn die Kinder das Elternhaus verlassen, tun sie dies in der Regel erst nach der Heirat. In den Großstädten brechen die traditionellen Familienstrukturen zunehmend auf. So gibt es beispielsweise in Teheran auch ledige Frauen, die allein leben. Hinzu kommen die ersten Alten- und Pflegeheime. Allerdings gibt es auch in Teheran und anderen Großstädten starke Unterschiede in Kultur und Lebensweise zwischen den Bewohnern einzelner Stadtteile. Die Bevölkerung ist mit einem Altersdurchschnitt von circa 28 Jahren relativ jung. Trotz des gesellschaftlichen Wandels bleiben die Verbindungen zur Familie stark.  

Obwohl es im öffentlichen Raum (besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln) eine Geschlechtertrennung gibt, verändern sich besonders in den Großstädten herkömmliche Geschlechterrollen. In Teheran sind viele Frauen berufstätig und arbeiten als Ingenieurinnen, Anwältinnen und Universitätsdozentinnen. Dennoch ist Frauen der Zugang zu einigen Berufsfeldern versperrt. Sie können zum Beispiel nicht ins Militär eintreten und auch nicht Richterin werden. Trotz allem leben die meisten iranischen Frauen nach wie vor in traditionellen Verhältnissen. Vielen von ihnen kommt nach der Heirat vor allem die Rolle der Hausfrau und Mutter zu, selbst wenn sie gut ausgebildet sind. Insgesamt liegt die Erwerbsquote bei iranischen Frauen bei knapp 17 Prozent. 

Für weiterführende Informationen und Statistiken empfiehlt sich das Länderprofil des Irans, das von der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) veröffentlicht wurde.

Welche Besonderheiten bringen die Kultur und die Sprache im Iran mit sich?

Der Iran unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von seinen überwiegend arabischen Nachbarn im Westen und Süden. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht-arabisch und spricht daher eine Reihe anderer Sprachen, die mit dem Arabischen nicht verwandt sind. Neben Persisch, einer indoeuropäischen Sprache, werden im Iran auch Azeri-Türkisch, Kurdisch, Baluchi, Turkmenisch und weitere Sprachen gesprochen. Arabische Minderheiten siedeln in der Provinz Khuzestan und an der Küste des Persischen Golfs. Das Persische (Farsi) wird von weit mehr als 80 Prozent der Bevölkerung gesprochen und verstanden; mehr als 50 Prozent der Menschen sprechen es als ihre Muttersprache. Mit dem Arabischen gemein hat es nur das Alphabet und einen beträchtlichen Schatz an Lehnwörtern.

Im Iran wird also eine Vielzahl von unterschiedlichen Sprachen gesprochen. Offizielle Amtssprache ist jedoch allein das Persische (Farsi). Die gesprochene Standardsprache des Persischen orientiert sich am Teheraner Dialekt und unterscheidet sich zum Teil stark von anderen lokalen Dialekten. Jedoch können Sie zum Beispiel bei Behördengängen ohne Probleme einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin hinzuziehen, der beziehungsweise die nur die Standardsprache des Persischen spricht.  

Zudem wird im Iran viel Wert auf einen gepflegten und höflichen Umgangston gelegt. Die berühmte persische Umgangsart oder Höflichkeit, in der Landessprache Taarof genannt, ist sprichwörtlich. Sie kommt in vielen Floskeln und Sprichwörtern, aber auch kulturellen Verhaltensmustern zum Ausdruck. Hier zwei Beispiele:  

Viele dieser Ausdrücke existieren im Deutschen nicht – hierzulande reicht ein einfaches „Danke“ – und können daher nur schwer übersetzt werden. Es handelt sich häufig um sprachliche Gepflogenheiten, die dazu dienen, einen Sachverhalt schön zu verpacken. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Gesagte auch immer hundertprozentig so gemeint ist. Iraner*innen sind zum Beispiel sehr gastfreundlich und knüpfen rasch Kontakte. Einladungen werden aber zumeist erst angenommen, wenn sie wiederholt ausgesprochen wurden. Viele Dinge werden indirekt gesagt oder manchmal auch gar nicht. Dies gilt dann, wenn man sein/ihr Gegenüber und besonders Menschen, die man nicht gut kennt, nicht verletzen möchte.  

Wichtig für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit:
Wenn Sie als Ehrenamtliche*r Geflüchtete aus dem Iran begleiten, kann es bei der Kommunikation anfangs gegebenenfalls zu kulturellen Missverständnissen kommen. Dies kann auch der Fall sein, wenn ein Dolmetscher dabei ist. Denn während die iranische Art der Kommunikation in manchen Situationen indirekt erfolgt und viele Höflichkeitsfloskeln beinhaltet, wird in Deutschland direkt kommuniziert.

Tipps, wie man mit diesen unterschiedlichen Kommunikationsformen umgehen kann und Missverständnisse vermeidet, finden Sie in unserer Themenwelt „Interkulturelle Kommunikation“.

Welche Umweltbedingungen herrschen im Iran?

In vielen Regionen des Irans ist das Klima sehr heiß und trocken. Von Mai bis November regnet es nicht. Eine Ausnahme ist der Küstenstreifen am Kaspischen Meer im Norden. Seit Jahren werden einzelne Landesteile immer wieder von schweren Dürren heimgesucht. Dies gilt besonders für die östliche Region Khorasan und die Provinzen im Zentrum des Landes. Viele natürliche Seen und künstliche Wasserspeicher sind seit Jahren ausgetrocknet. Auch der Wasserhaushalt von Salzseen wie dem Kleinen Salzsee bei Qom oder dem Urumiya-See im Nordwesten ist empfindlich gestört. Der Urumiya-See ist auf ein Drittel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft.

Teheran – ohne Auto geht hier nichts. © Andreas Wilde

Die Umweltschäden, die mit dieser Austrocknung einhergehen (zum Beispiel Salzstürme), sind beträchtlich. Die Dürre führt immer wieder zu Missernten und zum Bankrott bäuerlicher Betriebe. Gleichzeitig nehmen lokale Konflikte um das Wasser etwa in den Provinzen Isfahan und Yazd zu. Trotz des Wassermangels wird aber oftmals großzügig mit dem kostbaren Gut umgegangen. Zum Beispiel werden in Teheran auch in sengender Sommersonne riesige Grünflächen mit Sprinklern bewässert.

In vielen iranischen Großstädten, besonders in Teheran, Abadan und Ahvaz, kämpfen die Bewohner zudem mit den Folgen der Luftverschmutzung. Diese wird durch Benzin minderer Qualität und die große Anzahl von PKWs hervorgerufen. In Teheran haben viele Familien mehrere Autos. Selbst kurze Strecken werden häufig mit dem Wagen zurückgelegt.     

Im Gespräch mit Negin Bekham – Persönliche Einblicke in den Iran

In diesem Interview gibt uns Negin Behkam spannende und ganz persönliche Einblicke in ihr Herkunftsland. Wir erfahren etwas über unterschiedliche Identitäten, Regeln für Frauen und den Unterschied von Stadt und Land. Eine persönliche Botschaft für Ehrenamtliche hat sie auch für uns. Schauen Sie rein!


Sie haben den Iran nun anhand von vier „Schlaglichtern“ ein wenig kennengelernt. Was können Sie als Hintergrundinformationen für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit mitnehmen?
► Im Iran sind Staat und Religion nicht getrennt. Der Präsident hat weniger Machtbefugnisse als religiöse Führer. Zudem regelt und kontrolliert der Staatsapparat das Verhalten von Iraner*innen in der Öffentlichkeit.
► Die Familie spielt im Iran eine wichtige Rolle, allerdings brechen alte Werte und Familienstrukturen besonders in den Städten langsam auf. Die meisten iranischen Frauen leben nach wie vor in traditionellen Verhältnissen als Hausfrauen und Mütter.
► Der Iran ist kein arabisches Land. Hier wird neben der Amtssprache Persisch eine Vielzahl regionaler Sprachen gesprochen. Außerdem unterscheidet sich die Art der Kommunikation, die im Iran üblich ist, stark von der deutschen: Kritik wird oft sehr vorsichtig geäußert, Vieles indirekt formuliert und oftmals mit Höflichkeitsfloskeln und schönen Worten verpackt.
► Der Iran leidet seit Jahren unter dürrebedingtem Wassermangel sowie anderen Umweltproblemen wie Luftverschmutzung.  

Weiterführendes Material

Sehr gelungen ist das Länderinformationsportal zum Iran auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Für die Iran-Sektion zeichnet sich Dr. Tilmann Trausch als verantwortlich.  

Als Literatur seien Ihnen die Bücher „Geschichte Irans: von der Islamisierung bis zur Gegenwart“ von Monika Gronke (erschienen 2003 bei C.H.Beck, München) sowie „Die Revolution der Kinder“ von Navid Kermani (erschienen 2015 in der 2. Auflage bei C.H.Beck, München) empfohlen. 

Auch die Publikationen „Morgen in Iran: Die Islamische Republik im Aufbruch“ von Adnan Tabatabai (erschienen 2016 in der edition Körber Stiftung, Hamburg) und „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“ von Charlotte Wiedemann (erschienen 2017 im dtv Verlag, München) sind sehr lesenswert.  


Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wie gehen Iraner*innen, die Sie betreuen oder kennen, in Deutschland mit dem vergleichsweise großen Spielraum für die persönliche Entfaltung um? Und haben Sie aufgrund der unterschiedlichen Kommunikationsformen (direkt/indirekt) bereits Missverständnisse erlebt? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns. Schreiben Sie Ihre Antwort in die Kommentare!    


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Dr. Andreas Wilde ist Historiker und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Iranistik der Universität Bamberg. Seine Mitarbeit an mehreren wissenschaftlichen Projekten führte ihn immer wieder nach Iran, Afghanistan und Zentralasien.

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