Somalia

Krieg und Terror haben Somalia seit 1991 an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht und das Leben der Menschen stark beeinträchtigt. Seit 2012 bessert sich die Lage allmählich. Dennoch haben die Menschen in Somalia auch mit schwierigen Umweltbedingungen und schlechten Bildungschancen zu kämpfen. Welche Bedeutung zudem Clans und Gastfreundschaft in der somalischen Gesellschaft spielen, erfahren Sie in dieser Lektion.

Quiz „Vier Fakten und eine Lüge” – Somalia

Was wissen Sie bereits über Somalia? Welche der folgenden Aussagen ist falsch? Wählen Sie aus.

Geflüchtete aus Somalia

Anzahl der Asylanträge, die 2018 in Deutschland gestellt wurden:
5.073 (Stand November 2019, Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)
Hauptaufnahmeländer:
Kenia, Jemen, Äthiopien, Uganda, Dschibuti (Stand 2018, Quelle: UNHCR – The UN Refugee Agency)
Anzahl der Binnenvertriebenen:
ca. 2,6 Millionen (Stand Juni 2019, Quelle:  UNHCR Global Trends – The UN Refugee Agency )
Wird Somalia als sicheres Herkunftsland eingestuft?
Die Situation in Somalia hat sich ohne Zweifel insgesamt verbessert. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es wieder eine in Grenzen handlungsfähige Regierung, die von den meisten Konfliktparteien zumindest grundsätzlich anerkannt wird. Die islamistische Terrororganisation al-Shabaab ist militärisch sehr stark zurückgedrängt. Gleichwohl ist die Sicherheitssituation nach wie vor sehr prekär. Je weiter al-Shabaab militärisch zurückgedrängt wird, desto mehr verlegen sich die Islamisten auf terroristische Anschläge teils großen Ausmaßes. Ein sicheres Herkunftsland ist Somalia auf absehbare Zeit nicht.   

Wie ist die Sicherheitslage in Somalia?

In Somalia vermischen sich Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus. Verschiedene Konfliktparteien kämpfen seit 1991 um die Macht im Land. Daher gab es in den vergangenen Jahren immer wieder schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen – und zwar von Seiten aller Konfliktparteien. Der Staat konnte von 1991 bis mindestens 2012 seine wesentlichen Funktionen nicht oder kaum erfüllen, da es zum Beispiel keine handlungsfähige Regierung gab und die Sicherheit der Bürger nicht gewährleistet war. Man sprach in diesem Zusammenhang auch von einem „failed state“, einem „gescheiterten Staat“. Über Jahrzehnte hinweg gab es keine handlungsfähigen staatlichen Strukturen. Diese Schwäche des Staates haben in Somalia in den vergangenen Jahren insbesondere islamistische Gruppen, aber auch Warlords (militärische Anführer, die anstelle des Staates ein begrenztes Gebiet kontrollieren) ausgenutzt. Nach wie vor ist die Sicherheitslage schwierig. Was das konkret bedeutet und wie dieses Problem das Leben der Menschen in Somalia beeinflusst, erklärt unser Experte Dr. Florian Pfeil im Video „Die Sicherheitslage in Somalia“:

Wie unser Experte Dr. Florian Pfeil die künftige Entwicklung von Frieden und Stabilität in Somalia einschätzt, erfahren Sie im Video „Zukunftsperspektive Somalias“:

Was ist die al-Shabaab?
Al-Shabaab – der Name ist arabisch und heißt übersetzt „die Jugend“ – ist ein militanter Flügel der Islamisten und seit 2012 der regionale Ableger von al-Qaida in Somalia. Al-Shabaab kämpft für die Durchsetzung einer strengen Form der Schariꞌa (religiöse Gesetze des Islam). Heute ist die islamistische Gruppierung in Somalia militärisch weitgehend zurückgedrängt, jedoch verübt al-Shabaab nun verstärkt terroristische Anschläge im Land. Einem Terroranschlag der al-Shabaab in der somalischen Hauptstadt Mogadischu am 14. Oktober 2017 fielen über 300 Menschen zum Opfer.

Informationen zur Lage der Menschenrechte in Somalia finden Sie auf der Homepage von Amnesty International.

Weitere Hintergrundinfos zu den Konflikten in Somalia bietet die Bundeszentrale für politische Bildung

Welche Umweltbedingungen herrschen in Somalia?

Die ökologischen und klimatischen Bedingungen, die in Somalia vorhanden sind, sind äußerst schwierig. Das Leben der Somalierinnen und Somalier ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von mangelnder Ernährungssicherheit infolge des Bürgerkrieges, von Ausbeutung durch andere Länder und durch Folgen des Klimawandels geprägt worden. 

So war Somalia in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder von schweren Dürren betroffen. Zuletzt war dies 2016 und 2017 der Fall. Anhaltende Trockenheit bewirkt, dass die Menschen vor Ort unter Lebensmittelknappheit, Hunger, Unterernährung und Krankheiten zu leiden haben.

Laut des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP (United Nations Environment Programme) waren 2017 über eine Million Kinder akut unterernährt. Bei der Hungersnot im Jahr 2011 war die Lage besonders schlimm. Rund 3 Millionen waren auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Es verhungerten zwischen 250.000 und 300.000 Menschen.

Durch Dürren sinkt die Lebensmittelproduktion in Somalia stark. So ist beispielsweise nach Angaben von UNEP die Getreideernte gemessen am Durchschnittswert der vergangenen fünf Jahre um 45 Prozent zurückgegangen und damit auf den Stand des Jahres 1988 gesunken. Landwirtschaft oder Viehzucht sind für viele Menschen die Lebensgrundlage. Daher gibt es zum Beispiel für nomadische Viehzüchter kaum Alternativen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, wenn ihre Herde aus Mangel an Futter verstirbt. Bei anhaltender Trockenheit ist somit ihr Einkommen und ihre Existenz bedroht. Auch aus diesem Grund treibt es viele Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte. 

Zugang zu sauberem Trinkwasser hat nur rund ein Drittel der Somalier und Somalierinnen, in ländlichen Gebieten sind es sogar weniger als 10 Prozent. Auch eine grundlegende Gesundheitsversorgung ist für etwa 5,5 Millionen Menschen in Somalia nicht gegeben. Neben Dürren ist aber auch die Überflutung durch Starkregen ein Problem. Dann wird die ohnehin schon spärlich vorhandene fruchtbare Erde weggespült und die Menschen sind von Überschwemmungen in ihren Dörfern betroffen. 

Zahlen, Karten und Bilder zur Dürre in Somalia finden sich auf der Webseite des United Nations Environment Programme (auf Englisch). 

Wie stehen die Chancen auf Bildung in Somalia?

Die lang andauernden Konflikte in Somalia haben auch Auswirkungen auf die Schulbildung von Kindern und Jugendlichen. Im Vergleich zu anderen Ländern weltweit besuchen sehr wenige Kinder eine Grundschule. Insgesamt erhalten laut UNICEF nur 30 Prozent der Kinder in Somalia eine Schulbildung, bei Kindern aus ländlichen Gegenden sind es sogar nur 18 Prozent. Neben der angespannten Sicherheitslage in vielen Gebieten ist es für viele Eltern auch nur schwer beziehungsweise nicht möglich, das erforderliche Schulgeld aufzubringen. Ist eine Familie arm, kann das Kind oder können die Kinder oft nicht in die Schule gehen. Für Mädchen oder junge Frauen ist es zudem noch schwieriger, eine Schulbildung zu erhalten. Hinzu kommt, dass rund die Hälfte aller Kinder unter 14 Jahren arbeiten muss. 

Doch auch auf dem Arbeitsmarkt gestaltet sich die Lage schwierig. Laut UNICEF sind circa 67 Prozent der unter 30-Jährigen arbeitslos. 

Grundlegende Informationen über das somalische (Berufs)bildungssystem finden Sie auf dem Informationsportal für ausländische Berufsqualifikationen

Darüber hinaus bietet ein Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aus dem Jahr 2017 hilfreiches Hintergrundwissen zur Schul- und Berufsausbildung in Somalia (ab Seite 36).

Welche Bedeutung haben Clans in der somalischen Gesellschaft?

Was ist ein Clan? Wählen Sie aus.

In Clans sind innerhalb wie außerhalb Somalias nur die ethnischen Somali organisiert. In Somalia gehören etwa 85 Prozent der Gesamtbevölkerung dieser Volksgruppe beziehungsweise Ethnie an. Auch in den Nachbarländern Äthiopien und Dschibuti sind Teile der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger Somali. In den anderen Ethnien, die es in dieser Region gibt, spielen Clans keine Rolle. 

Die ethnische Gruppe der Somali ist stark durch Clans und Clanstrukturen geprägt. Durch den sehr hohen Anteil der Somali an der Gesamtbevölkerung Somalias hat dieses Merkmal auch Auswirkungen auf die Gesellschaft des Landes. Konkret bedeutet das, dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan beziehungsweise einer Clanfamilie im Zusammenleben der Menschen in Somalia eine große Rolle spielt. Ob man zu dem einen oder anderen Clan gehört, hängt jeweils von der Abstammung des Vaters ab und ist meist am Namen erkennbar. Durch diese unterschiedlichen Clanfamilien ist die Gesellschaft Somalias in verschiedene Gruppen unterteilt. In der Geschichte kam es immer wieder zu Spannungen und Konflikten zwischen einzelnen Clans – zum Teil auch über Ländergrenzen hinweg. 

Diese besonderen gesellschaftlichen Strukturen haben lange Zeit, vor allem in den 1960er-Jahren, das politische System und die Parteienlandschaft Somalias beeinflusst. So gab es zeitweise zum Beispiel über 60 Parteien im Parlament, die die verschiedenen Clans im Lande widerspiegelten. Nach der Machtübernahme durch Siad Barre 1969 wurden diese Clans gegeneinander ausgespielt. 

Zur Vertiefung dieses Themas können Sie sich einen Bericht zu einem Vortrag von Dr. Joakim Gundel mit dem Titel „Clans in Somalia“ durchlesen. 

Welchen Stellenwert hat Gastfreundschaft in Somalia?

Gastfreundschaft spielt in der Kultur Somalias eine große Rolle. Unser Experte Dr. Florian Pfeil erklärt, woher die Tradition der Gastfreundschaft stammt und wieso Somalierinnen und Somalier in Deutschland bei diesem Thema möglicherweise irritiert sind. Außerdem hat er eine Empfehlung, wie Sie als Ehrenamtliche oder Ehrenamtlicher auf das somalische Verständnis von Gastfreundschaft reagieren können. 

Im Gespräch mit Muse Mohamed Dahir – Ein persönlicher Blick auf Somalia

In diesem Interview gibt uns Muse Mohamed Dahir aus Somaliland spannende Einblicke in das Land Somalia. Wir erfahren etwas über das Leben in permanenter Unsicherheit vor Ort, den Einfluss von Clans in der Region und über ein religiöses Problem, dem Frauen immer noch ausgesetzt werden und warum es so schwierig ist, etwas zu ändern. Eine persönliche Botschaft für Ehrenamtliche hat Muse auch für uns.

Durch diese „Schlaglichter haben Sie nun ein wenig Einblick in die Rahmenbedingungen gewinnen können, unter denen Somalierinnen und Somalier in ihrem Heimatland leben. Was können Sie als Hintergrundinformationen für Ihre ehrenamtliche Tätigkeit mitnehmen?
► Die Sicherheitslage in Somalia ist nach wie vor schwierig. Seit 1991 leidet das Land unter Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus.
► In Somalia gibt es oft schwere Dürren, die zu Lebensmittelknappheit, Hunger, Unterernährung und zur Verbreitung von Krankheiten führen können. Da viele Somalierinnen und Somalier von Viehzucht und Landwirtschaft leben, ist in solchen Fällen ihre Lebensgrundlage bedroht.
► Die Aussichten für somalische Kinder, eine Grundschule zu besuchen, sind nicht sehr gut. Nicht nur die schwierige Sicherheitslage im Land, sondern auch das Bezahlen des Schulgeldes sind häufige Probleme.
► Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan ist durch die Abstammung bestimmt und kann eine große Rolle im Alltag der Menschen spielen.
► Wie Sie im Video hören konnten, hat Gastfreundschaft einen sehr hohen Stellenwert in Somalia. Das bedeutet, dass es als große Ehre verstanden wird, einem Fremden Gastfreundschaft anzubieten. 

Weiterführendes Material

Das Themendossier zu Somalia von ecoi.net versammelt Berichte aus verschiedenen Quellen. 

Allgemeine Zahlen und Fakten über Somalia finden sich auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung

Als Literatur zum Thema Flucht und Flüchtlingslager empfehlen wir Ihnen ein Buch von Ben Rawlence mit dem Titel „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“ (2016 erschienen bei Nagel & Kimche AG, Zürich).


Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wie erleben Sie Somalier und Somalierinnen in Deutschland? Wie nehmen die somalischen Geflüchteten, die Sie betreuen oder kennen, „deutsche“ Gastfreundschaft wahr? Tauschen Sie sich mit ihnen über das Thema Gastfreundschaft aus und teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns. Schreiben Sie Ihre Antwort in die Kommentare!


Autorenbild

Magda Langholz ist Referentin für Politische Jugendbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. Sie hat ein Studium der Politikwissenschaft abgeschlossen und ist seit mehreren Jahren in der Politischen Bildung tätig. Unterstützt wurde sie bei der Texterstellung dieser Lektion durch die fachliche Expertise von Dr. Florian Pfeil.  

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