Exkurs: Rechnen Lernen im Erwachsenenalter

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Rechenschwierigkeiten sind Stolpersteine in vielen Bereichen des Alltags. Was sind die Ursachen? Welche Wege der Unterstützung versprechen Erfolg? In dieser Lektion erfahren Sie mehr.

Rechnen im Alltag

Ob wir kochen, einkaufen oder Reparaturen vorhaben – Rechnen ist in unserem Alltag allgegenwärtig.


Im beruflichen Alltag sind Rechenkenntnisse erst recht unverzichtbar.

"Wir haben knapp über 320 anerkannte Ausbildungsberufe in Deutschland. Ich glaube, es gibt keinen einzigen, in dem man nicht zumindest ein Mal die Woche, wenn nicht sogar täglich, mit einer rechnerischen Fragestellung konfrontiert wird – seien es Dezimalzahlen, Bruchrechnen, sei es Prozentrechnung oder Dreisatz", so Robert Schweizog, Geschäftsführer Bildung & Fachkräfte bei der IHK NRW zum Thema Rechenkenntnisse in der Arbeitswelt.

Rechenschwierigkeiten im Erwachsenenalter

Größenordnung

Im Jahr 2012 hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in der PIAAC-Studie die bisher einzigen soliden wissenschaftlichen Daten zu alltagsmathematischen Kompetenzen von Erwachsenen in Deutschland vorgelegt. Dabei wurden die grundlegenden Fähigkeiten getestet, die Menschen im erwerbsfähigen Alter benötigen, um alltäglichen und beruflichen Anforderungen gerecht zu werden.

Das Ergebnis: 4,5 Prozent der Erwachsenen blieben hierzulande im Rechnen auf einem Niveau unter Stufe 1 von 5 möglichen Kompetenzstufen. Das bedeutet, sie konnten allenfalls zählen, sortieren und einfache Rechenaufgaben mit ganzen Zahlen bewältigen.

Beispielaufgabe zur Beschreibung der Kompetenz unter Stufe 1


"Bei dieser Aufgabe werden vier Preisschilder eines Supermarkts gezeigt. Diese zeichnen das Produkt, den Kilopreis, das Nettogewicht, das Verpackungsdatum und den Gesamtpreis aus. Die Person soll den Artikel bestimmen, der zuerst verpackt wurde, indem sie die Datumsangaben auf den Preisschildern vergleicht.“


Rammstedt, B. (Hrsg.): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich: Ergebnisse von PIAAC 2012, Münster: Waxmann 2013, S. 53.


Ursachen

Erwachsene mit besonderen Schwierigkeiten im Rechnen (EbSR) haben häufig langjährigen Mathematikunterricht durchlaufen und sind dennoch gescheitert. Vermutlich haben sie, wie fast alle Kinder, bei der Einschulung gut vorwärts oder rückwärts zählen können. Und sie haben das Zählen eingesetzt, wenn sie rechnen sollten.

Aufgabe des Mathematikunterrichts wäre gewesen, die Brücke vom zählenden Rechnen zu nichtzählenden Rechenstrategien zu schlagen.

Dieser Herausforderung wird der Mathematikunterricht nicht immer gerecht. Die Rechenverfahren werden wiederholend geübt, ohne dass die Zusammenhänge grundlegend verstanden werden: Warum setze ich dieses Verfahren ein? Warum so und nicht anders? Warum führt mich diese Strategie, warum führen sogar verschiedene Strategien zum richtigen Ergebnis? Und: Warum lohnt es sich, das zählende Rechnen aufzugeben?

Das frühe Scheitern zieht nachhaltige Konsequenzen für die Zukunft nach sich. Denn: Mathematisches Wissen baut aufeinander auf. Wer sich Zahlen und Mengen nicht vorstellen kann, ist auch mit scheinbar einfachen Grundrechenaufgaben überfordert. Und wer die Grundrechenaufgaben nicht beherrscht, verliert schon in der Grundschule den Anschluss.

Achtung: Lernschwierigkeiten mit einem gesundheitlichen / neurologischen Ursprung im Sinne einer sogenannten Dyskalkulie werden hier nicht gezielt thematisiert, da in diesen Fällen möglicherweise eine fachspezifische Förderung benötigt wird.

Wege zum Rechnenlernen im Erwachsenenalter

Auch das Rechnen kann – wie das Lesen und Schreiben – bis ins hohe Erwachsenenalter hinein erlernt werden!

Volkshochschulen und andere Bildungseinrichtungen bieten immer häufiger Mathe-Nachholkurse an. Ein gelungenes Beispiel sind die Kurse der vhs Bochum. Hier baut Kursleiterin Angelika Pöppel mit ihren Teilnehmer*innen Schritt für Schritt Rechenkompetenzen auf. Als Grundlage nutzt sie das Rahmencurriculum Rechnen des Deutschen Volkshochschul-Verbands. Der Film "Zweite Chance Rechnen – Mathe lernen an der Volkshochschule" zeigt, wie das Rechnenlernen nachhaltig und ohne Frust gelingen kann.

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Der Film entstand im Auftrag des Deutschen Volkshochschul-Verbands im Projekt Rahmencurriculum. Mehr über das Projekt und darüber, wie es in Bildungsangeboten eingesetzt werden kann, erfahren Sie weiter unten in dieser Lektion unter den weiterführenden Materialien.

Ehrenamtliche Begleitung – Chancen und Grenzen

Möglicherweise werden Sie in Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit auf Erwachsene mit Schwierigkeiten im Rechnen (EbSR) aufmerksam werden. Ihr besonderes Vertrauensverhältnis zur Zielgruppe bietet zugleich auch die besondere Chance, diese Schwierigkeiten anzusprechen und Wege zum Rechnenlernen aufzuzeigen. Sie können über Grundbildungsangebote vor Ort informieren, zur Teilnahme ermutigen und bei Rückschlägen und Problemen motivieren, weiter am Ball zu bleiben.

Denken Sie dabei immer daran, dass Erwachsene mit Rechenschwierigkeiten

  • sich aufgrund negativer Erfahrungen oft in einer schwierigen emotionalen Lage dem Mathematikunterricht gegenüber befinden,
  • beim Rechnen Tricks und Kniffe anwenden, die nicht nachhaltig sind, aber dennoch bei der Alltagsbewältigung weiterhelfen,
  • diese Tricks und Kniffe nur aufgeben können, wenn die Vorteile anderer Rechenstrategien verstanden und verinnerlicht wurden,
  • das Rechnen nur dann erlernen können, wenn aufeinander aufbauende Inhalte strukturiert und nacheinander vermittelt werden.

Das macht das Rechnenlernen im Erwachsenenalter weitaus komplexer als das Lesen- und Schreibenlernen. Daher: Wenden Sie sich gemeinsam mit den Menschen, die Sie unterstützen, an ein fachliches Bildungsangebot vor Ort. Achten Sie bei der Auswahl der Kurse auf die Konzepte, die zugrunde liegen. Ein guter Referenzrahmen ist das Konzept Rahmencurriculum Rechnen, das im Deutschen Volkshochschul-Verband speziell für die Erwachsenenbildung entwickelt wurde.

Sie haben etwas über den Hintergrund von Rechenschwierigkeiten im Erwachsenenalter erfahren. Sie sind über die komplexen Prozesse beim Rechnenlernen informiert und wissen um die Herausforderung, betroffene Menschen zu unterstützen, ohne sie zu überfordern. Sie vermeiden weitere negative Lernerfahrungen, indem Sie fachlich fundierte Angebote von Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen vor Ort recherchieren und kontaktieren. Sie verstehen, dass es auf dem Weg zum Rechnenlernen auch Rückschläge geben kann und können als Vertrauensperson die Menschen, die Sie begleiten, zum Weitermachen motivieren.

Weiterführende Materialien

Sie haben als Ehrenamtliche*r Mathematik-Fachkenntnisse? Oder Sie sind als Koordinator*in tätig und möchten Bildungsangebote vor Ort aufbauen? Dann informieren Sie sich im Rahmencurriculum Rechnen über die besonderen Herausforderungen beim Rechnenlernen im Erwachsenenalter. Das Rahmencurriculum Rechnen formuliert nicht nur Lernziele, sondern schafft Verständnis für die Fallstricke des Unterrichts mit EbSR. Es zeigt, wie Sie eine Lernsituation schaffen, die sich deutlich von der Schulsituation unterscheidet, wie Sie negative Lernerfahrungen vermeiden, das Vorwissen der Teilnehmer*innen aufgreifen und nichtzählende Rechenstrategien nachhaltig vermitteln können.

Auf grundbildung.de können Sie Materialien suchen, die im Projekt DVV-Rahmencurriculum für den Einsatz in Grundbildungskursen entwickelt wurden.

Rammstedt, B. (Hrsg.): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich: Ergebnisse von PIAAC 2012, Münster: Waxmann 2013, abrufbar hier (letzter Abruf im Februar 2021).

Autorenbild

Die Inhalte dieser Lektion sind im Deutschen Volkshochschul-Verband e.V. im Rahmen der Projekte AQUA und Rahmencurriculum entstanden und wurden für Sie redaktionell überarbeitet und ergänzt vom Redaktionsteam des vhs-Ehrenamtsportals.